Nr. 28/2016 vom 14.07.2016

Gespenster der Liebe

Von David Hunziker

Bei Marissa Nadler begegnen sich die Menschen nur noch als Gespenster. «Hungry Is the Ghost» heisst eine der Geistergeschichten von ihrem aktuellen Album «Strangers». Darin irrt eine Ich-Erzählerin umher, gejagt vom Begehren nach einer verlorenen Liebe: «Thought I saw you in a store / Just a sign of wanting more». Man formt sich die Fremden in der Nacht nach dem Bild des eigenen Begehrens.

«Hauntology» – der aus Jacques Derridas Buch «Marx’ Gespenster» entlehnte Begriff – geisterte in den letzten Jahren durch die britische Popkritik, als Benennung einer Strömung der elektronischen Musik, vor allem im Umfeld des Labels Ghost Box. Er passt auch bei Marissa Nadler, aber statt mit klanglichen Wiedergängern aus der Popgeschichte hat sie es mit amourösen Gespenstern zu tun. Intensive Beziehungen, die man nicht «verarbeitet» hat, wie es so schön heisst. Eine Hauntologie der Liebe.

Seit ihrem ersten Album, «Ballads of Living and Dying» (2004), lässt sie dieses Motiv nicht los. Dort hat sie ein Gedicht von Edgar Allan Poe vertont, das von seiner toten Frau handeln soll. Nur fehlt bei Nadler die Hoffnung, dass man sich im Jenseits wieder treffen könnte. Was bleibt, sind die Gespenster der Verlassenen, die einen durchs Diesseits jagen.

«Strangers» klingt auch wie Gespenstermusik. Nadlers klagende Stimme hallt in vielfacher Ausführung durch die herrlich düsteren Folk- und Dream-Pop-Balladen. Ausgeschmückt werden die minimalistischen Arrangements mal von einem brummenden Synthesizer, einer heulenden Slidegitarre oder einer dezenten Horrororgel. Zumindest im Geiste steckt da auch ein wenig Metal drin. Produziert wurde das Album von Randall Dunn, der schon am avantgardistischen Lärm der Band Sunn O))) mitgewirkt hat.

Nadlers Beziehung zum Metal-Underground reicht sogar noch tiefer. Als eine Art Höllenchor ist ihre Stimme auf «Portal of Sorrow», dem letzten Album des Einmann-Black-Metal-Projekts Xasthur, zu hören. Wenn man sich diese Platte anhört, wird noch deutlicher, was ein Rezensent mit der Bemerkung meinte, Nadler habe eine Stimme, der man in den Hades folgen würde.

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