Nr. 33/2016 vom 18.08.2016

Auf der Suche in New York

Von Rahel Locher

Das Baby schreit ständig. Und sowieso gefällt der achtzehnjährigen Sara die Arbeit als Au-pair in den USA überhaupt nicht. Nach der Schule wollte sie weg von ihrem Zuhause in der Schweiz, sofort und so weit wie möglich. Doch nun verbringt sie endlose Nachmittage damit, um denselben Block zu laufen, weil die Mutter des Kindes ihr keine grösseren Runden erlaubt. Die erhoffte Freiheit in der Fremde erweist sich als ziemlich trostlos.

Da erstaunt es nicht, dass Sara den Au-pair-Job hinschmeisst und eigene Wege geht. An der Seite des Künstlers Nino bricht sie zu einem Roadtrip auf, der in «Vom Fliegen ausser Atem» in Rückblenden geschildert wird. Aber eigentlich beginnt der Roman der Schweizer Autorin Annette Lory ganz woanders: nämlich in einer New Yorker Kellerwohnung, in der Sara auf Nino wartet. Er wurde von der Polizei beim illegalen Verkauf seiner Bilder erwischt und verhaftet. Sara sucht ihn verzweifelt, klappert in der winterlichen Stadt die Orte ab, an denen sich Nino häufig aufhält, und bekommt im Gerichtsgebäude nur die Antwort: Kein Nino Torres auf der Liste der Festgenommenen.

Anstelle von Nino trifft Sara auf andere Menschen, bekannte und unbekannte, humorvolle und vom Leben gezeichnete. Sie lässt sich treiben und entfernt sich in den vier Tagen, durch die der Roman sie begleitet, mehr und mehr von Nino. Vor allem, als gegen Ende des Buches wieder die Polizei auftaucht, dieses Mal mit einer Razzia im besetzten Haus, wo Sara in diesen Tagen öfter zu Besuch ist.

Viel ist in Bewegung geraten, Sara durchbricht sogar ihre tägliche Routine, knipst zum ersten Mal, seit sie in die USA geflogen ist, kein Foto für ihre Agenda. Der genaue Blick einer Fotografin prägt auch den Roman. Annette Lory beschreibt Orte und Begegnungen eindringlich und mit Aufmerksamkeit für Details, sie nähert sich ihrer Romanfigur behutsam und macht Saras ganze Fragilität spürbar. Lorys Sprache reisst mit und geht unter die Haut, von der ersten Seite an.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch