Nr. 24/2016 vom 16.06.2016

Nachrichtenwache gegen die Repression

Täglich übernimmt eine bekannte Persönlichkeit die Verantwortung für die Chefredaktion der kurdischen Zeitung «Özgür Gündem».

Von Cigdem Akyol, Istanbul

Wenn Ahmet Birsin zu seinem Schreibtisch will, läuft er an Bildern seiner ermordeten KollegInnen vorbei. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind rund 80 JournalistInnen von «Özgür Gündem» getötet worden, erst kürzlich kam ein Kollege ums Leben. «Der Kampf ums Überleben ist unser Alltag», sagt Birsin, der selbst fünfzehn Jahre in Gefängnissen sass. Der 48-Jährige kann nur mit Mühe laufen, die Folter hat ihre Spuren hinterlassen.

Noch immer gibt es in der Türkei oppositionelle Zeitungen wie «Birgün» und «Evrensel», doch «Özgür Gündem» («Freie Tagesordnung») ist die einzige, die sich explizit kurdischen Themen widmet. Rund vierzig MitarbeiterInnen arbeiten in der ganzen Türkei für das Blatt, die Auflage beträgt 20 000 Exemplare. Die Zeitung erscheint auf Türkisch. Auf den Schreibtischen liegen Wörterbücher, denn nicht alle in der Redaktion können Kurdisch. Finanziell kämpfte das Blatt schon immer ums Überleben, wichtige Einnahmequellen sind Spenden. Den MitarbeiterInnen wird der Mindestlohn gezahlt. «Trotz der widrigen Umstände würde ich niemals einen anderen Job machen wollen», sagt Birsin. «Wir kämpfen doch für die Wahrheit.»

Gegründet wurde «Özgür Gündem» 1992 – damals wurden kurdische PolitikerInnen wegen Gebrauch der kurdischen Sprache im Parlament verhaftet. Mehrfach wurden Druck und Vertrieb verboten, zuletzt im März 2012. Der Vorwurf lautete meist, die Zeitung verbreite Propaganda für die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Dass das Medium der PKK als Kanal dient, ist unbestritten: Ausführungen von «Apo», wie PKK-Chef Abdullah Öcalan von seinen AnhängerInnen genannt wird, sind gelegentlich darin zu lesen. Für die MacherInnen ist die Zeitung aber vor allem ein Forum für den Austausch. «Wir Kurden werden doch sonst nur als Terroristen dargestellt», sagt Birsin.

Seit im Herbst letzten Jahres der Friedensprozess zwischen Ankara und der PKK aufgekündigt worden ist und der Konflikt im kurdischen Südosten des Landes eskaliert, hat der Druck auf die Zeitung erneut zugenommen. Gegen die MitarbeiterInnen sind rund hundert Verfahren hängig. Am 3. Mai, zum Internationalen Tag der Pressefreiheit, startete die Zeitung deshalb eine «Nachrichtenwache». Die Idee dazu hatte Anwalt Özcan Kilic, der seit zwanzig Jahren das Blatt vertritt: Noch nie zuvor habe er eine solch massive Repression erlebt. UnterstützerInnen übernehmen bis Anfang Juli täglich wechselnd symbolisch den Posten der Chefredaktion. Dazu gehören JournalistInnen der regierungskritischen Tageszeitung «Cumhuriyet» und der Internetplattform «Bianet» sowie prominente AutorInnen wie Ayse Düzkan, Ertugrul Mavioglu oder Ugur Güc. Gegen alle dreissig UnterstützerInnen wurden bisher Ermittlungen eingeleitet.

Die Staatsanwaltschaft führt die Ermittlungen auf Grundlage der Antiterrorgesetze. Diese sorgen schon länger für Streit zwischen der EU und der Türkei. Die EU fordert eine Änderung, damit sie nicht gegen Oppositionelle missbraucht werden können. Präsident Recep Tayyip Erdogan lehnt dies strikt ab. Anklagen nach dem Antiterrorgesetz werden von einer Sonderstaatsanwaltschaft verfolgt, die Beschuldigten vor Sondergerichten angeklagt.

«Jeder von uns muss täglich damit rechnen, von Staatspräsident Erdogan verklagt zu werden, ins Gefängnis zu kommen oder ermordet zu werden», sagt Mehmet Akyol, ein 62-jähriger Pfeifenraucher mit weissem Schnauzer. Er war in die Schweiz geflohen, nachdem er 1978 in der Türkei zum Tod verurteilt worden war. Akyol hatte in einem linken Blatt das Programm der damals neu gegründeten PKK veröffentlichte. In der Schweiz arbeitete er bei der Unia. Vor vier Jahren kehre Akyol zurück nach Istanbul. Bei «Özgür Gündem» hat er sich ebenfalls auf Gewerkschaftsthemen spezialisiert.

Immer weniger Kioske seien bereit, die Zeitung zu verkaufen. Privatpersonen, die Exemplare verteilen, seien Drohungen oder gar körperlichen Angriffen ausgesetzt. «Für die Regierung und für Nationalisten sind wir ein Feindbild, weil wir die Rechte von Kurden und anderen Minderheiten verteidigen», sagt Akyol. «Wenn es so weitergeht, wird ein Zusammenleben zwischen Türken und Kurden unmöglich.»

Der Nachname Akyol ist in der Türkei so verbreitet wie Meier oder Müller in der Schweiz. WOZ-Korrespondentin Akyol und der Journalist Akyol sind entsprechend nicht miteinander verwandt. Akyol heisst übrigens «richtiger Weg».

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