Nr. 35/2016 vom 01.09.2016

Googles Willkür

Google hat einen beliebten Blog zum Verschwinden gebracht. Nun hat der betroffene Künstler sein Material wieder, muss es aber neu aufbereiten.

Von Daniela Janser

Klingt gut, oder? «Das Ziel von Google ist es, die Informationen der Welt zu organisieren und für alle zu jeder Zeit zugänglich und nutzbar zu machen.» Und: «Der Nutzer steht an erster Stelle – alles Weitere folgt von selbst.» Wie weit diese polierte Firmenphilosophie von der Realität entfernt sein kann, erfuhr Ende Juni der in Paris lebende US-Autor und Künstler Dennis Cooper. Als er eines Tages gerade dabei ist, seine Google-Mails zu lesen, lädt die Seite unvermittelt neu, und anstelle der verschwundenen Mails erscheint die Meldung, sein E-Mail-Konto sei deaktiviert worden.

Kein gutmütiges Orakel

Aufgeschreckt versucht Cooper nun, seinen Blog zu öffnen. Er betreibt ihn seit über zehn Jahren auf einer ebenfalls von Google betriebenen Plattform und füttert ihn fast täglich mit neuem Material. Eine grosse LeserInnenschaft ergänzt das fröhlich wuchernde Werk mit Rückmeldungen und eigenen Betrachtungen. Aber auch hier empfängt ihn die Nachricht: «Leider wurde der Blog entfernt.» Als Cooper bei Google nachfragt, erhält er eine standardisierte Antwort, die nichts erklärt. Google-MitarbeiterInnen, die Cooper persönlich kennt, versprechen ihm zuerst, der Sache nachzugehen. Dann verschwinden auch sie hinter der Wand des Schweigens, die das milliardenschwere Unternehmen hochzieht. Beide Seiten schalten Anwälte ein.

Dennis Cooper ist ein kontroverser Künstler mit grossem Underground- und Avantgarderenommee. Seine in Romane gegossenen schwulen sexuellen Fantasien sind nichts für SpiesserInnen, seine unheimlichen Bilder von aufgebohrten Plastikpuppenköpfen auch nicht. Auf Coopers Blog, den er sogar mit einer Eintrittswarnung versehen hatte, publizierte er allerdings mehrheitlich Unverfängliches: Kommentare und Empfehlungen zu Büchern und Filmen, persönliche Miniaturen und aufgestöberte Kuriositäten. Daneben beherbergte der Blog seinen fast fertigen neuen Gif-Roman. Cooper darf als Erfinder dieses Genres gelten, für das er bewegte Bildchen, die er im Netz zusammensucht, wie die Sätze eines gewöhnlichen Romans zusammenmontiert. Seinen ersten, sehr unterhaltsamen Gif-Roman, «Zac’s Haunted House», kann man gratis von seiner Website herunterladen.

Dank Coopers Beliebtheit bei Blogfans kam es zu einer Solidaritätskundgebung im Netz, knapp 5000 Leute haben eine Petition zu seinen Gunsten unterschrieben. Eine grössere öffentliche Empörung blieb aber aus, obwohl der künstlerische Wert seines Blogs ausser Frage steht. Ganz im Gegensatz etwa zum Sommer 2009, als die chinesische Regierung den Blog des regimekritischen Künstlers Ai Weiwei abwürgen liess. Da stieg die internationale Kunstwelt – und nicht nur sie – auf die Barrikaden. Man verurteilte die staatliche Zensur als totalitär und verwies auf das hohe Gut der Meinungsfreiheit.

Google ist ein integraler Bestandteil unseres Alltags geworden. Der Fall Cooper ist eine gute Gelegenheit, daran zu erinnern, dass der Internetgigant, den wir täglich zigmal besuchen und mit unzähligen privaten Informationen füttern, keinesfalls nur ein gutmütiges, allwissendes Orakel ist, das uns in fast allen Lebenslagen weiterhilft. Wie die Geschichte mit dem gelöschten Blog exemplarisch zeigt, propagiert Google zwar Informationsfreiheit und Kundenfreundlichkeit, verhält sich dann aber plötzlich wie ein biederer Grossgrundbesitzer, der sein Territorium als Privatgrund behandelt und seiner undurchsichtigen, eigenmächtigen Willkür unterwirft. Die profanere Lektion lautet: Regelmässige Back-ups auf Harddiscs sind auch im Zeitalter von Clouds keinesfalls überflüssig geworden.

Und die Begründung?

Ende August, zwei Monate nach der Abschaltung und nach mehrwöchigen juristischen Verhandlungen, erhält Cooper seinen Gif-Roman, seine Mails und seinen Blog unversehens zurückgeschickt. Allerdings in einer Form, die ihn zwingt, nun jeden Blogpost von Hand neu aufzubereiten. Und die Begründung, die Google liefert? Ein Unbekannter denunzierte einen einzelnen, zehn Jahre alten Blogbeitrag, der nicht einmal von Cooper selbst, sondern von einem seiner Leser stammt, als Kinderpornografie. Umgehend nahm Google den Blog, aber auch Coopers E-Mail-Konto vom Netz. Cooper selber bestreitet, dass er einen kinderpornografischen Beitrag auf seinem Blog zulassen würde.

Dennis Coopers Blog ist neu unter http://denniscooperblog.com zu finden.

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