Nr. 35/2016 vom 01.09.2016

Wenn der Dackel Durchfall hat

Von Florian Keller

Dann legt er zögerlich seine Hand auf ihre, und sie halten einander ganz fest: unerhört, ein Happy End! Und das bei Todd Solondz, dem grossen Stoiker des US-Autorenkinos. Ein Fall von Altersmilde? Nicht unbedingt, der Film ist hier erst zur Hälfte durch. Es folgt ein musikalisches Intermezzo, in dem der Titelheld frohgemut durchs Land watschelt, danach wird er noch zweimal weitergereicht, seinem sinnlosen Ende entgegen. Unser Held ist ein Dackel, und so heisst auch der Film: «Wiener-Dog».

Wie ein lebendiges Pfand verbindet dieser Hund vier lose Vignetten über die Einsamkeit, und gelegentlich ist sogar eine Ahnung von Glück dabei. Erstes Herrchen des Dackels ist ein trauriger Bub, der gerade dem Tod entronnen ist und dadurch, dass er noch lebt, seine reichen Eltern überfordert. Zuletzt lebt der Hund bei einer todkranken Alten (Ellen Burstyn), die das Tier nach ihrem letzten ständigen Begleiter getauft hat, nämlich «Krebs». Dazwischen spielt Danny DeVito einen depressiven Drehbuchdozenten, der den Hund für einen letzten Akt der Verzweiflung benutzt. Und es gibt ein Wiedersehen mit der Heldin aus Solondz’ Erstling: Dawn Wiener, das Mädchen aus «Welcome to the Dollhouse», das dort als «Wiener-Dog» gehänselt wurde. Jetzt, als Erwachsene, wird sie gespielt von Greta Gerwig, die den Dackel entführt, als er eingeschläfert werden soll.

Mit «Happiness» (1998) hat Todd Solondz einst das erfunden, was man heute «cringe comedy» nennt: eine Form der Komödie, die permanent mit unserem Unbehagen spielt. Er ist jetzt zärtlicher geworden, aber nicht etwa sentimental. Seine Ironie kann zwar penetrant sein: Als der Dackel Durchfall hat, fährt die Kamera geduldig dem verschissenen Bordstein entlang, dazu perlt gediegene Klaviermusik. Sonst aber ist «Wiener-Dog» ein grausam komischer Reigen über die Zumutungen des Daseins, samt bodenloser Schlusspointe. Oder wie zuvor ein rosiges Mädchen in flehendem Ton zu Ellen Burstyn sagt: «Ich will nicht alt werden.» Die Alte darauf: «Keine Angst, es wird so schnell passieren, dass du es gar nicht merkst.»

Ab 1. September 2016 im Kino.

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