Nr. 35/2016 vom 01.09.2016

VeganerInnen leben gefährlich

Von Franziska Meister

Lifestyle mal beiseite: Wer sich vegan ernährt, hat meist das Tierwohl im Auge. Doch vegane Ernährung kann buchstäblich ins Auge gehen, wie WissenschaftlerInnen der Universität Tübingen vergangene Woche publik gemacht haben. Ins Visier nahmen sie in ihrer Untersuchung den nächsten Verwandten des Braunbären, den sogenannten Höhlenbären – respektive das, was von ihm übrig ist: einen Haufen Knochen. Der Höhlenbär ist nämlich vor rund 25 000 Jahren ausgestorben.

Bislang spekulierte man in Forscherkreisen, dass dies mit den steigenden Temperaturen gegen Ende der letzten Eiszeit und dem damit verbundenen geringeren Nahrungsangebot zu tun gehabt haben könnte. Auch menschengemachte Ursachen standen zur Diskussion – etwa dass damalige Jäger den Höhlenbären ausgerottet hätten. Dabei dürfte der paläozeitliche Meister Petz mit dreieinhalb Metern Länge und einer Schulterhöhe von einem Meter siebzig wohl keine leichte Beute gewesen sein. Seit die ForscherInnen aus Tübingen eine Isotopenanalyse des Kollagens von Knochen aus einer belgischen Höhle gemacht haben, steht für sie hingegen fest: Der Höhlenbär starb wegen seiner «unflexiblen Ernährungsweise» aus. Die war nämlich – anders als beim fröhlich flexitarischen Braunbären – rein vegan. Selbst im Kollagen von Jungtieren, die noch gesäugt wurden, fanden die WissenschaftlerInnen keine Hinweise auf tierische Proteine.

Ob der Höhlenbär zum Vorbild militanter VeganerInnen werden wird – ganz nach dem Motto «Lieber (aus)sterben als tierische Produkte konsumieren!» –, bleibe dahingestellt. Was diese eher mobilisieren dürfte, ist die Ankündigung der Tübinger WissenschaftlerInnen, Ernährungsexperimente – rein vegane, versteht sich – mit heutigen Braunbären durchführen zu wollen. Bloss: Soll man sich als VeganerIn auf Mission jetzt ob des Experimentierens an Tieren echauffieren, sich grundsätzlich aufgrund seiner Ernährungsweise diskriminiert fühlen – oder sich darüber freuen, dass die vegane Lebensweise endlich auf Forschungsinteresse stösst?

Der Höhlenbär (Ursus spelaeus) ist bislang zu den Raubtieren gezählt worden – also den Karnivoren.

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