Nr. 36/2016 vom 08.09.2016

Stunt in der Nische

Seit einem Jahr zeigt sich das «Filmbulletin» in einem schicken Redesign. Doch jetzt droht eine Kürzung der Fördergelder.

Von Florian Keller

Film-Bulletin Nr. 5 / 16

Sie ist gerade nicht zu beneiden. Dabei hat Tereza Fischer (47) vor etwas über einem Jahr einen beeindruckenden Stunt vollbracht. Sie hat eine publizistische Institution, die vor allem optisch irgendwo in den achtziger Jahren hängen geblieben war, auf allen Ebenen entstaubt. Die Institution heisst «Filmbulletin» und ist die letzte eigenständige Filmzeitschrift der Schweiz. Und das Redesign des Zürcher Grafikbüros Bonbon ist tatsächlich ein Kunststück: Handlicher im Format, wirkt das renovierte «Filmbulletin» gerade im Rückgriff auf eine ältere Titelschrift moderner. Sie habe die Verbindung zwischen Film und Kunst betonen wollen, sagt Tereza Fischer: «Das Heft sollte optisch mehr in Richtung einer Kunstzeitschrift gehen.»

Seit April 2014 leitet die Filmwissenschaftlerin die Geschicke des Magazins. Sie hat dort kein leichtes Erbe angetreten, als sie Walt R. Vian ablöste, der das «Filmbulletin» davor fast ein halbes Jahrhundert lang geprägt hatte. Seinem Anspruch bleibt das Heft weiterhin treu, als Liebhaberobjekt in der cinephilen Nische. Den Schwerpunkt bilden jeweils zwei lange, grosszügig bebilderte Lesestücke, zwischen den beiden steht, was ein Kritiker etwas maliziös die «Durststrecke der Rezensionen» genannt hat. Dank etlicher neuer Rubriken und Kolumnen wirkt das Heft dennoch verspielter, und im Netz hat das «Filmbulletin» jetzt endlich auch einen Auftritt, der diesen Namen verdient.

Mitten im Kreis 4

Andere wichtige Neuerungen bleiben unsichtbar, weil sie hinter den Kulissen erfolgt sind. So hat Tereza Fischer einen Teil der Druck- und Layoutkosten im Budget verschoben, um die Texthonorare für die freien AutorInnen anzuheben – dies in einer Zeit, wo Honorare praktisch überall gekürzt werden. Dem visuellen Auftritt sieht man diese Kostenumwälzung nicht an, im Gegenteil: Das Spiel mit Filmstills ist im Redesign prägnanter geworden.

Die Auflage ist klein, aber stabil (3000 Exemplare), die Abozahlen sind zuletzt ganz leicht gestiegen (2300, gut ein Viertel davon in Deutschland). Und doch ist Tereza Fischer gerade nicht zu beneiden. Auf die Förderbeiträge der Stadt Winterthur, die das Heft mit jährlich 20 000 Franken unterstützte, wird sie künftig verzichten müssen, weil sie mit dem «Filmbulletin» letzten Herbst nach Zürich gezogen ist – vom äussersten Stadtrand in Winterthur-Wülflingen, fernab von jedem Kino, mitten hinein in den Kreis 4, auf halber Strecke zwischen den Kinos Riffraff und Metropol. Die Stadt Zürich wird die finanzielle Lücke nicht schliessen, ein entsprechender Antrag wurde abgelehnt, dafür hat der Kanton seinen Beitrag um 10 000 Franken erhöht.

Rund zur Hälfte finanziert sich das Heft über die Abos und über Inserate, zur anderen Hälfte durch die öffentliche Hand. So hängt das Überleben des «Filmbulletins» nicht zuletzt vom Bundesamt für Kultur (BAK) ab, das mit jährlich 180 000 Franken im Rahmen der «Förderung der Filmkultur» fast vierzig Prozent des Budgets beiträgt. Die betreffende Leistungsvereinbarung, die in der Regel über vier Jahre läuft, wurde zuletzt zweimal nur um ein Jahr verlängert. Das BAK begründet das mit der Übergangsphase, in der sich die Zeitschrift befinde. Die vom Bund eingeholten Gutachten über die geförderten Filmpublikationen empfehlen nun, den Beitrag für das «Filmbulletin» um jährlich 30 000 Franken zu kürzen. Stossend daran: Eine der beiden externen Fachpersonen ist eine Journalistin, die früher regelmässig für das «Filmbulletin» schrieb – und unter Tereza Fischer nicht mehr berücksichtigt wurde. BAK-Filmchef Ivo Kummer sagt auf Anfrage, dass er nichts von diesem Interessenkonflikt gewusst habe. Die betreffende Expertin beruft sich auf ihre vertragliche Schweigepflicht und will sich nicht dazu äussern.

Expansion ins Netz

Derweil weiss Tereza Fischer gerade nicht, ob es ihr Heft bis Ende 2017 noch geben wird. Ihr ist aber auch klar: «Eine Zeitschrift herauszugeben, ist in der gegenwärtigen Medienkrise sowieso schwierig. Ausser vielleicht, man macht ein Yogaheft für Veganer.» Die Auffrischung des «Filmbulletins» auf Papier ist jedenfalls gelungen, die Expansion ins Netz ebenso. Was man sich wünschen würde: dass das Heft jetzt noch lernt, in der Themensetzung auch mal über sein Biotop der Cinephilie hinauszudenken und das Kino vermehrt als Resonanzraum für gesellschaftspolitische Fragen zu begreifen.

www.filmbulletin.ch

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