Widerstand in Südafrika : «Mandela-Kult, reaktionärer ANC, elitäre Linke»

Nr.  40 –

Die südafrikanische Autorin Malaika Wa Azania rechnet mit ihrer Heimat ab – und erklärt, wie Mandela missbraucht wird, wieso sie fast ihre Seele verkauft hätte und was gegen Glencore und Co. hilft.

Malaika Wa Azania: «Viele westliche Länder glauben, dass Solidarität heisst, Afrika regelmässig Geldspritzen zu verabreichen.»

WOZ: Malaika Wa Azania, Ihr Buch «Born Free» ist eine Abrechnung mit dem African National Congress. Warum sind Sie so wütend auf die südafrikanische Regierung?
Malaika Wa Azania: Seit ich denken kann, bekam ich die immer gleiche Erzählung vorgesetzt: der ANC als progressive Organisation, der die Interessen der Arbeiter am Herzen liegen. Uns wurde auch eingeimpft, dass der ANC entscheidend für die Befreiung des Landes war. So wurden wir zwar sozialisiert – doch viele aus meiner Generation haben ganz andere Erfahrungen gemacht.

Welche Erfahrungen haben Sie denn gemacht?
Der ANC hat sich als völlig reaktionäre Organisation erwiesen. In 22 Jahren an der Macht hätte man einiges verändern können, sei es in der Landfrage oder im Wirtschaftssystem. Doch der politische Wille für solche Interventionen fehlt auch heute noch. Die Enttäuschung über den ANC war auch der Anlass für mein Buch. Ich wollte Diskussionen lostreten und darüber sprechen, wie wir uns das Land und unsere Zukunft darin vorstellen.

Ihre Mutter war jahrelang beim ANC aktiv. Irgendwann gab sie frustriert auf, was Sie zuerst nicht verstehen konnten. Wann wandten auch Sie sich enttäuscht ab?
Schon als Kind habe ich viel über den ANC gewusst, doch ich war zu jung, um meine Enttäuschung in Worte zu fassen. Als ich dann von einer Townshipschule auf eine «Model-C-Schule» kam, die früher ausschliesslich weissen Kindern vorbehalten gewesen war, begann ich, vieles infrage zu stellen: neben den Beziehungen zwischen den sozialen Schichten auch die Führung des Landes. Auch die gängige ANC-fixierte Erzählung in der Schule fand ich immer problematisch – genauso wie die Lobpreisung des grossen Befreiers Mandela. Aufgrund dieser persönlichen Erfahrungen in der neuen Schule wollte ich selbst aktiv werden und gegen Rassismus kämpfen.

Im Buch kritisieren Sie den Kult um Nelson Mandela, der in Südafrika wie ein Heiliger verehrt wird. Wollen Sie die Geschichte des Landes umschreiben?
Es geht mir vor allem darum, die Vorstellung von Mandela als grossem Erlöser der Schwarzen zu hinterfragen. Sie klammert die Bemühungen gewöhnlicher Leute vollständig aus – dabei haben sie Nelson Mandela befreit, ihn später zum Präsidenten des Landes gemacht. Durch die gängige Erzählung entsteht ein Messiaskomplex, der die Menschen glauben macht, dass sie erneut auf einen Erlöser warten müssen, damit sich ihre Probleme lösen.

Neben dieser Kritik möchte ich aber auch verhindern, dass Mandelas Erbe dazu missbraucht wird, um radikale schwarze Bewegungen zu disziplinieren.

Wie das?
Wenn junge Schwarze sich gegen die Studiengebühren an den Universitäten wehren und das System als rassistisch bezeichnen, heisst es immer: «Ihr seid zu wütend. Warum könnt ihr nicht mehr wie Mandela sein?» Die Vorstellung von Mandela als grossem Anführer wird gegen die Schwarzen verwendet. Und dieselben Leute, die ihn als globale Ikone feiern, sehen im ANC dann eine Terrororganisation. Es geht mir vor allem darum, dass unsere Kinder Geschichte anders lernen als wir.

Wie reagieren die Leute auf Ihre Kritik?
Auch wenn sich immer noch viele angegriffen fühlen: Die Zeiten, in denen Kritik am Mandela-Kult tabu war, sind zum Glück vorbei.

Zurzeit demonstrieren in Südafrika Tausende Studierende für die Abschaffung der Studiengebühren. Letzte Woche ist die Situation eskaliert. Was ist da passiert?
Zuletzt haben die meisten Universitäten den Lehrbetrieb eingestellt, unter anderem auch die Rhodes University, wo ich selbst studiere. Als die Proteste dennoch weitergingen, ging die Polizei äusserst brutal gegen die Studenten vor: Sie feuerte Blendgranaten und Gummigeschosse, Dutzende wurden verletzt. Später sind mehrere Studenten festgenommen worden. Sie wurden wie Kriminelle behandelt – obwohl sie nur ihr in der Verfassung garantiertes Recht auf Bildung einforderten.

Können die Proteste die Verhältnisse ändern?
Auf jeden Fall. Es ist kein Zufall, dass junge Leute die Speerspitze der Proteste bilden. Diejenigen, die nach dem Ende der Apartheid geboren wurden, hätten von Südafrikas Demokratisierung profitieren müssen, stattdessen sind sie die Opfer des Systems. Die Demonstranten haben deshalb eine klare Botschaft an den ANC: «Wir werden die Probleme sicher nicht weiter ignorieren, nur weil ihr eine schwarze Regierung seid!» Viele Junge wenden sich vom ANC ab – und ich bin sicher, dass sie der Katalysator für Veränderungen sein werden.

Kann die Linke dabei eine Rolle spielen?
Die Linke ist vor allem mit sich selbst beschäftigt, was mich sehr wütend macht. Anstatt sich dem täglichen Kampf gewöhnlicher Leute zu widmen, reduziert sich die Linke auf den intellektuellen Diskurs. Auch wir Studenten werfen uns Sachen an den Kopf wie: «So hat Trotzki das aber nicht gemeint!» – was nichts zu tun hat mit der Realität von Aktivisten in den Townships. Eigentlich müssten wir die Theorien so vermitteln, dass die Leute sie auch verstehen.

In den Townships geht es nicht um ideologische Kämpfe, dort stellen sich ganz alltägliche Fragen: Es geht um das Essen auf dem Tisch, die Schulbildung der Kinder und das Dach über dem Kopf. Die Linke ist ein elitärer Block, aber es herrscht auch eine Art Defätismus. Vielen fehlt die Kraft, gegen die Stärke des Kapitals anzukämpfen.

Auch den jungen Leuten?
Die Jungen sind oft radikaler und glauben weiterhin an linke Ideen wie Umverteilung von Reichtum. Doch viele sagen auch: «Prinzipien kann man nicht essen.» Die meisten sind Schwarze, die nicht studieren konnten, weil ihnen das Geld fehlte. Das bedeutet auch, dass man diese Leute einfacher kaufen kann – und genau das macht die Regierung.

Haben Sie ein Beispiel dafür?
2013 wurde ich von der Uni ausgeschlossen, weil ich die Gebühren nicht mehr bezahlen konnte. Das war sehr schmerzhaft für mich, denn in meiner Familie hat niemand je die Uni abgeschlossen, keiner hat einen Job. Zu mir kamen Leute, die mir anboten, meine Studiengebühren zu bezahlen, wenn ich das und das mache. Es brauchte sehr viel Kraft zu sagen: «Nein. Lieber gehe ich nicht an die Uni, als meine Seele zu verkaufen. Behalten Sie Ihr Geld.»

Es ist unglaublich schwierig, stark zu bleiben. Die Schwäche der Linken rührt eben auch von der tiefen Hoffnungslosigkeit und Armut, die junge Leute dazu bringen, Kompromisse einzugehen. Sie verraten ihre Ideale, um überleben zu können.

Ein Hauptmotiv in Ihrem Buch ist der Rassismus in Südafrika. Wie manifestiert sich das im Alltag?
Nehmen wir die aktuellen Proteste gegen die Studiengebühren: Die Studenten, die von der Uni ausgeschlossen werden, sind schwarz. Die weisse Minderheit in Südafrika ist auch heute noch privilegiert: Auf dem Arbeitsmarkt werden Weisse nach wie vor bevorzugt eingestellt, selbst wenn sie die gleichen Noten haben wie Schwarze. Und sie verdienen mehr für die gleiche Arbeit.

Gibt es keine schwarze Mittelschicht?
Nein! Nehmen Sie mich als Beispiel: Ich bin die Einzige in meinem Haushalt, die einen Job hat. Mein Lohn muss für meine arbeitslose Mutter, meinen kleinen Bruder, der noch zur Schule geht, meine Grossmutter, für Onkel und Tante reichen. Das ist nichts Ungewöhnliches, die meisten Schwarzen müssen mit ihrem Lohn bis zu zwanzig Leute unterstützen – es ist das Erbe von historisch bedingtem Rassismus.

Es fängt schon von klein auf an: Schulen in historisch weissen Bezirken haben eine bessere Infrastruktur, bessere Lehrer et cetera. Und sie sind von den Townships aus oft schlecht zu erreichen. Sogar die gelehrten Inhalte sind zutiefst rassistisch: eine weisse, normative Pädagogik und Denkweise und ausschliesslich weisse Literatur.

Was muss sich denn im Bildungswesen konkret verändern?
Höhere Bildung muss für alle kostenlos sein. Achtzig Prozent der Bevölkerung sind schwarz, und nur ein Prozent von ihnen hat Zugang zu höherer Bildung. Mit so vielen schlecht gebildeten Leuten lässt sich kein neues Land aufbauen.

Dann muss die Wirtschaft umgebaut werden. Unternehmen wie Glencore verdienen mit afrikanischen Ressourcen Milliarden, bis auf einen Bruchteil fliesst das Kapital später ab. Unsere Regierungen müssen also die Unternehmenssteuern erhöhen – und die Konzerne dazu bringen, das Know-how afrikanischer Arbeiter zu fördern. Es ist ja nicht so, dass viele Afrikaner per se dumm sind – doch wir werden von vielen Prozessen einfach ausgeschlossen.

Nehmen wir zum Beispiel die Verarbeitung von Edelmetallen: Durch die Ausbeutung afrikanischer Arbeitskraft werden sie für wenig Geld abgebaut, dann beispielsweise in die Schweiz gebracht und dort veredelt – und dann für den zehnfachen Preis wiederum nach Afrika verkauft.

Sie haben Glencore angesprochen. Wo sehen Sie die Verantwortung des Westens für die Situation in Südafrika?
Viele unserer Probleme haben mit dem Geschäftsgebaren westlicher Firmen zu tun. Wenn sich die Menschen in den USA oder Europa solidarisch zeigen wollen, müssen sie also Druck auf ihre Regierungen ausüben, damit diese Firmen in Afrika Verantwortung übernehmen.

Viele westliche Länder glauben, dass Solidarität heisst, Afrika regelmässig Geldspritzen zu verabreichen – was wir jedoch brauchen, sind aktive Bürgerinnen und Bürger. Dies hat schon während des Apartheidregimes funktioniert. Europas Regierungen haben die Sanktionen gegen Südafrika nicht beschlossen, weil sie so ein gutes Herz hatten – sondern weil die Leute sie dazu gezwungen haben. Diese Art von Engagement braucht es auch heute, es ist wichtiger als alles andere.

Unter Intellektuellen kursiert die Idee vom Panafrikanismus. Sehen Sie darin eine Chance für den Kontinent?
Es geht darum, dass der afrikanische Kontinent, wie wir ihn heute mit seinen Nationalstaaten kennen, ein Erbe des Kolonialismus ist. Die willkürliche Aufteilung durch die Kolonialmächte hatte dabei verheerende Auswirkungen auf Afrikas Entwicklung. Der einzige Weg, dieses Vermächtnis umzukehren, ist die Erschaffung eines vereinigten Afrika: mit Bewegungsfreiheit für alle und einer einheitlichen Währung, geführt von einer sozialistischen Regierung.

Ist das nicht unrealistisch?
Es ist zugegeben eine noble Idee, aber es gibt natürlich viele Hindernisse. Afrika ist ja kein Land, sondern ein Kontinent voller unterschiedlicher Leute mit verschiedenen Religionen, Sprachen, Geschichten.

Auf regionaler Ebene haben wir jedoch schon vieles erreicht – ich brauche heute beispielsweise kein Visum, um nach Simbabwe zu reisen. Jetzt müssen wir auf dem gesamten Kontinent neue Realitäten schaffen.