Mykki Blanco : Gedrogt und gepornt

Nr.  37 –

Die Stimmung kippt innerhalb der Songs: Der queere Star Mykki Blanco berichtet auf dem neuen Album von der Fragilität von Freiräumen.

«Non-binary gender-queer post-homo-hop musical artist»: Mykki Blanco. Foto: Bruno Staub

Was sind das für Typen? Was für Drogen nehmen die? Welchen Sex haben die? Welches Geschlecht haben die? Wie sind die geworden, was sie sind? Wenn es stimmt, dass gute Popmusik solche Fragen provoziert, dann ist «MYKKI» die beste Popmusik, die gerade zu haben ist. Gleich im ersten Song des neuen Albums ist Mykki «dressed like a woman» und trägt Lipgloss. «I’m in a mood tonight», singt er, nein, sie … also die Figur, die sich Mykki Blanco nennt. Ihre Plattenfirma bezeichnet sie griffig als «non-binary gender-queer post-homo-hop musical artist», wir sagen: Sie.

Mood heisst Stimmung, Laune aber auch: Modus. «MYKKI» handelt von Mykkis wechselnden Stimmungen, aber auch von wechselnden Modi. Mykki verfügt über ein grosses Repertoire an Moods und über viele Möglichkeiten, diese zu manipulieren. En détail verhandelt das Album den Hauptwiderspruch der Figur Mykki Blanco: Ich kann meine Moods verändern und manipulieren, lebe aber in einer Gesellschaft, die diese Moods und Libidos nur in abgegrenzten (Frei-)Räumen zulässt, ihnen ausserhalb dieser Räume dagegen mit Ausgrenzung, Unterdrückung und Gewalt begegnet. Im Extremfall mit Ermordung, wenn Freiräume attackiert werden, wie beim Massaker in einem queeren Club in Orlando.

Um Missverständnisse zu vermeiden: «MYKKI» kommt nicht im Bekenntnismodus daher, wirbt nicht um Toleranz für sich und andere Diskriminierte, feiert nicht den Karneval der LGBTQXYZ-Kulturen. «MYKKI» erzählt von einem Ort, der denkbar weit entfernt ist von einer sogenannten Mitte der Gesellschaft, und benutzt dafür praktisch alle musikalischen Mittel, die einem «non-binary gender-queer post-homo-hop musical artist» heute zur Verfügung stehen. Catchy Hooklines und hochfrequent abgefeuerte Schlüsselreize, Mehr- beziehungsweise Vielstimmigkeit ist eher Regel als Ausnahme. Die Moods wechseln nicht von Song zu Song, sondern mehrfach innerhalb eines Songs.

Alltägliche Erfahrung

«MYKKI» spielt an einem Ort, an dem es keine Subjekte gibt, die nicht gedrogt und gepornt wären (digitalisiert sind sie sowieso). Gedrogt meint nicht be-drogt oder ver-drogt, sondern einen Aggregatzustand von Körper und Seele, der ohne die alltägliche Erfahrung von Drogen nicht denkbar wäre: Upper, Downer, Beschleuniger, Verlangsamer, Doping, Enhancement, Körperoptimierung und -modifikation (musikalisch gespiegelt in Stimmmodifikationen via Autotune). Im «MYKKI»-Land ist der Drogengebrauch entkoppelt von der fordistisch getakteten Wochenendexzess-Logik. Beiläufig werden Pillen gepoppt, Coke White liegt in der Luft, und Mykki ist «smokin’ blunts with my cunts».

Gepornt wiederum meint nicht pornografisch oder pornografisiert, sondern einen Aggregatzustand von Körper und Seele, der ohne die alltägliche Erfahrung von Porn nicht denkbar wäre. Wie zu den Drogen ist das Verhältnis zu Porn zwiespältig: Die Pornoindustrie, und hier der Zweig, der sich mit Rockpräfixen wie «Alternative», «Indie», «Punk» oder eben «Queer» schmückt, lechzt nach Subjekten wie Mykki Blanco. Queer Porn verspricht ihnen ein weniger entfremdetes Leben, hier können sie ihre Normabweichung vorübergehend aus ihrem eigenen Ich heraus performen. Queer Porn als temporär befreite Zone, so das Versprechen. Ich stelle meinen Körper zur von mir kontrollierten Verfügung gegen Geld und Ruhm – das klingt nach einem akzeptablen Deal.

Queere schwarze KünstlerInnen wie Big Freedia, Sissy Nobby oder Zebra Katz haben es auf mehr als bloss fünfzehn Minuten Berühmtheit gebracht. Aber auch Queer Porn ist Pornoindustrie und damit potenziell Ausbeutungs- und Missbrauchshölle, der Grat zwischen Emanzipation und Exploitation ist schmal.

Artifizielle Brillanz

Die Single «High School Never Ends» bündelt die Widersprüche von «MYKKI» aufs Melodramatischste. Die Titelzeile verheisst ewige Jugend, utopisch wie einst Prince mit seinem androgynen Falsett: «If I was your girlfriend, would you let me kiss you?» Aber die Highschool geht dann doch zu Ende, und das Drama nimmt seinen Lauf. Was der Song selbst nicht so klar hergibt, vereindeutigt das Video von Regisseur Matt Lambert. Verbotene Liebe in jenem Ostdeutschland, das die Neonazis als national befreite Zone bezeichnen, erklärt die Plattenfirma: «Ein Skinhead aus einer rechten WG und ein schwarzer Transgender-Mann (oder doch Frau?) leben heimlich ihre Liebe.»

Angesichts der «fortgesetzten Flüchtlingskrise in Europa» ergänzt Mykki Blanco: «Ich dachte immer, Europa sei mein sicherer Hafen vor der weissen Vorherrschaft in Amerika, aber da habe ich mich getäuscht.»

In einem «Interlude» spricht Mykki in der ersten Person Singular über die eigene Vorstellung von Liebe. Diese sei nicht mal sexuell, «vielleicht muss ich erst mal lernen, mich selbst zu lieben. Ich will doch auch nur geliebt werden, das ist aber bei mir komplizierter als bei anderen.» Für diesen überschüssigen Reichtum an kunstvoller Kompliziertheit können wir «MYKKI» (und Mykki) lieben. Bei Leuten, die sich notorisch zu kurz gekommen fühlen, könnte die artifizielle Brillanz auch das Gegenteil provozieren: Hass.

Konzert am 18. November 2016 am Saint-Ghetto-Festival in der Dampfzentrale Bern.

Mykki: MYKKI. Dogfood Music Group / !K7