Nr. 41/2016 vom 13.10.2016

Ein Land und dann noch ein halbes

An der diesjährigen Frankfurter Buchmesse sind die Niederlande und der belgische Landesteil Flandern zu Gast. Wird das Verbindende der Sprache betont und das Trennende überhört?

Von Silvia SüessMail an Autor:in (Text) und Peter Goes (Illustration)

Es ist so eine Sache mit dem «Gastland» an der Frankfurter Buchmesse. Jedes Jahr darf sich ein ausgewähltes Land unter einem bestimmten Motto präsentieren. Nicht nur werden eine grosse Anzahl Neuerscheinungen sowie neu ins Deutsche übersetzte Bücher aus dem Gastland aufgelegt; unter meist gesucht originellen Titeln zeigt sich das Land zudem in einem Pavillon von seiner besten Seite. So präsentierte sich letztes Jahr Indonesien mit dem Titel «17 000 Inseln der Imagination», vor zwei Jahren war es Finnland mit «Finnland. Cool.». Als die Schweiz 1998 das letzte Mal Gastland war, lautete das Motto «Hoher Himmel, enges Tal».

Das politische Meer

Und nun also die Niederlande und Flandern. Unter dem Titel «Dies ist, was wir teilen» präsentiert sich vom 11. bis 23. Oktober nicht nur ein Gastland im herkömmlichen Sinn, sondern mit Flandern wird zusätzlich die flämische Region Belgiens eingeladen. Es ist nach 1993 bereits das zweite Mal, dass die niederländische Sprachregion an der Buchmesse präsent ist. Er habe das Verbindende der beiden Regionen gesucht, sagte Bart Moeyaert, der künstlerische Leiter des Gastlandauftritts, und neben der Sprache sei er auf die Nordsee gekommen. «Das Meer als literarisches Bild finde ich wunderbar, denn das Meer ist poetisch und auch politisch, denken wir an die Flüchtlinge, und es ist eben nicht immer sanft und schön.»

Am Sprachgraben

Leider ist in den Ankündigungen der Buchmesse kein Wort darüber zu lesen, dass Sprache nicht nur verbindend, sondern auch trennend sein kann – was gerade im Fall Flanderns ein wichtiger Aspekt ist: Gut sechzig Prozent der belgischen Bevölkerung gehören der flämischen Bevölkerungsgruppe an, etwas unter vierzig Prozent der wallonischen, die hauptsächlich französisch spricht. Die Sprachgruppen streiten seit dem 19. Jahrhundert um die Hoheit in Belgien – einen Höhepunkt fand der Konflikt 2010/11, als das Land 589 Tage um eine neue Regierung rang. Die beiden Landesteile trennt nicht nur die offiziell festgelegte Sprachgrenze, sondern auch ein mentaler Graben: Der Mainstream im flämischen Norden ist eher konservativ-liberal und christdemokratisch geprägt, im Süden dagegen sozialdemokratisch-gewerkschaftlich. Dies zeigte sich in Streiks im öffentlichen Sektor diesen Frühling, an dem sich die Gewerkschaften im Süden offensiver beteiligten (siehe WOZ Nr. 23/2016).

Trotz offiziellen Schweigens wird der Konflikt bestimmt in einer der fast 400 Neuerscheinungen, die aus und über Flandern und die Niederlande an der Buchmesse auf Deutsch präsentiert werden, Thema sein. Dass sich zudem nicht alle Bücher ums Meer drehen, zeigt die kleine Auswahl an Neuerscheinungen, die wir auf diesen Seiten zusammengestellt haben. Es sind universelle Geschichten, die in allen Sprachen spielen könnten – über das Individuum und seine Auseinandersetzung mit der Welt.

Die Zeichnung auf dieser Seite mit dem radelnden Belgier und den Spezialitäten aus der Gegend stammt vom Illustrator und Animator Peter Goes, der in Gent lebt. Sein Bilderbuch «Die Zeitreise. Vom Urknall bis heute» feiert derzeit international Erfolge.

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