Nr. 42/2016 vom 20.10.2016

Das Weltnaturerbe rutscht

WOZ-Kolumnistin Karin Hoffsten machte sich als Touristin auf, um mehr über Risse in einem Walliser Berg zu erfahren.

Von Karin Hoffsten (Text und Foto)

Nur wenige «Wandergesellen» lassen sich abschrecken: Gesperrter Wanderweg mit Aussicht.

«Alarm am Aletsch», meldete die «Schweizer Illustrierte», und der «Walliser Bote» titelte: «Spalten, in die man ein Chalet hineinstellen könnte». Mit diesen Worten hatte ein Geologe des Bundesamts für Umwelt die Risse am Berg über dem Aletschgletscher laut Text zwar tatsächlich beschrieben, doch als Titel schaffte es die Aussage, einem eisige Schauer über den Rücken zu jagen. Seit vielen Jahren häufig in der Gegend zu Gast, wollte ich mir selbst ein Bild machen.

Das Gebiet um den Aletschgletscher gehört seit 2001 zum Unesco-Weltnaturerbe und ist tatsächlich von berückender Schönheit. Als archaischer Zeuge des erdgeschichtlichen Wandels zieht sich der knapp 23 Kilometer lange Gletscher durch die Walliser Alpen, und der darüber liegende Aletschwald mit seinen Lärchen, Arven und Fichten konnte sich zu einem Urwald entwickeln, weil er seit 1933 unter Schutz steht.

Der CEO ruft persönlich zurück

Bevor ich am Freitag hinreise, rufe ich beim Infocenter fürs Aletschgebiet an und erkundige mich, wie es denn jetzt da oben aussehe, welche Seilbahnen in Betrieb seien und wo ich auch übers Wochenende Informationen bekommen könne. Schnell wird deutlich, dass das Thema Bergrutsch höchste Priorität hat und Chefsache ist. Ein Herr König werde mich zurückrufen, wenn nicht heute, dann am Samstag. Erst danach realisiere ich, dass es sich bei Herrn König um Valentin König, den CEO der Aletsch Riederalp Bahnen AG, handelt, der mich auch tatsächlich am Samstag anruft.

Was denn die Geologen schlimmstenfalls am Berg befürchteten, frage ich ihn, worauf er meint, diese gingen nicht von einem Horrorszenario aus, und es wäre ihm lieb, wenn unsere Zeitung entsprechend berichtete. Statt über die Spalten reden wir darum über die einzigartige Konstruktion der neuen Seilbahn, die von der Riederalp zur Moosfluh hochführt. Für den Bau hat man die Bewegungen, die der Berg macht, für die nächsten 25 Jahre vorausberechnet und eingeplant: Die Sockel von Bergstation und Zwischenpfeilern sind auf Schienen verankert, sodass sie Verschiebungen horizontal und vertikal um mehrere Meter ausgleichen können. Zurzeit ist die Moosfluhbahn allerdings abgestellt, weil sich ein kleiner Hohlraum unter dem Sockel der Bergstation gebildet hat, der jetzt wieder aufgefüllt wird.

Im Verkehrsbüro auf der Riederalp bekomme ich eine Karte, auf der die gesperrten Wanderwege markiert sind. Auf meine Frage, was sie denn persönlich meine, sagt die Dame, das Ganze gebe ihr schon zu denken, und man frage sich natürlich, wie es weitergehe. Aber bei der globalen Klimaentwicklung müsse man ja damit rechnen, dass der Permafrost zu schmelzen beginne, und in der Moränenlandschaft über dem Gletscher habe es viel lockeres Gestein. Ein paar Leute hätten angerufen, ob man denn wandern könne.

Es haben sich offenbar nur wenige abhalten lassen. Das Wetter ist herrlich, an der Seilbahnstation kommen mir hochgerüstete Mountainbiker entgegen, und es wimmelt von Menschen in Wanderkleidung. In einer Pfütze, die vom Regen am Vortag zurückgeblieben ist, spielen drei Buben. «Das ist vom Gletscher», sagt einer, und die anderen staunen ihn an. Wissen ist Macht.

Dann mache ich mich auf zu einem meiner Lieblingswege: hoch oben über den Grat von der Riederfurka zur Moosfluh. Es ist so bezaubernd wie immer, ich begegne vielen Menschen und muss weit gehen, bis ich zum ersten Absperrband komme. Der grösste Teil des mehr als 300 Kilometer langen Wegnetzes sei für die «Wandergesellen im Aletschgebiet» weiterhin offen, hat der Gemeindepräsident der Riederalp dem «Walliser Boten» gesagt – ich kann es bestätigen.

Die Natur arbeitet immer

Bei allen Verantwortlichen ist eine grosse Angst vor den Folgen alarmistischer Berichterstattung deutlich zu spüren. Die Gegend lebt vom Tourismus, und dem haben schon schneearme Winter, Finanzkrise und Frankenstärke zugesetzt. Die chaletgrossen Spalten im «Walliser Boten» hat hier niemand goutiert. Auch eine Mitarbeiterin im Supermarkt sagt, sie sei enttäuscht, dass ausgerechnet eine Walliser Zeitung das Thema so stark aufgeblasen habe, dass die Leute Angst bekämen. Im Geschäft hätten sie schon gemerkt, dass weniger kommen. Angst wegen des Bergs habe sie sicher nicht, meint sie, womit sie ja auch recht hat, denn auf der bewohnten Seite ist alles stabil. Und dann fügt sie noch hinzu, dass so was doch grundsätzlich zu erwarten sei: So wie die Menschen mit der Erde und dem Klima umgingen, sei doch klar, dass das Folgen haben müsse. Auch der freundliche junge Mann, der uns am Abend im Restaurant Riederfurka bedient, hat keine Angst und meint gelassen: «Die Natur arbeitet eben immer.»

Wahrlich, das tut sie. Aber seit der Mensch kräftig mitarbeitet, verrichtet sie ihre Arbeit auffallend eiliger. Noch sind wirklich nur wenige Wanderwege im Wallis gesperrt, und alle hoffen, dass sich die Lage wieder beruhigen wird. Doch die Risse sind unübersehbar und zeigen, dass sich die Klimaerwärmung nicht höflich in weit entfernte Länder zurückgezogen hat.

Die Initiative für eine Grüne Wirtschaft hat der Kanton Wallis übrigens kürzlich mit 71 Prozent abgelehnt.

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