Nr. 33/2021 vom 19.08.2021

Lauschangriff am Fels

Von einem, der auszog, den Berg aufzunehmen: Unterwegs mit dem Tonkünstler Claudio Landolt, der mit allerhand Mikrofonen den Vorderglärnisch abgehört hat.

Von Florian KellerMail an AutorIn (Text) und Ursula Häne (Foto)

130 Stunden Tonmaterial hat Claudio Landolt aufgezeichnet – hier inmitten des weissen Rauschens des Gleiterbachs.

Im britischen Musikfilm «24 Hour Party People» gibt es eine Szene, wo der Produzent von Joy Division, gespielt von Andy Serkis, irgendwo auf einer Anhöhe steht und sein Richtmikrofon in die Luft streckt, ein Narr auf dem Hügel. Was er denn da mache, wird er gefragt. «Aufnehmen», sagt der Tonmeister. «Die Stille.»

So ähnlich darf man sich auch Claudio Landolt vorstellen, wenn er, ausgerüstet mit Richtmikrofon und selbstgelöteten Kontaktmikrofonen oder auch mal mit einem kiloschweren Seismometer auf dem Rücken, immer wieder von allen möglichen Flanken her am stotzigen Massiv des Vorderglärnisch unterwegs war. Was er denn da mache, so hätte man auch ihn fragen können. «Aufnehmen», hätte er gesagt. «Den Berg.»

Berge werden in der Schweiz gefälligst erwandert und beklettert oder befahren, sie werden topografisch vermessen, bebaut und bewirtschaftet und touristisch erschlossen, sie werden seit jeher auch beschrieben und besungen und mehr denn je fotografiert und gefilmt. Aber einer, der sich aufmacht, aufzunehmen, wie der Berg klingt? Der macht sich direkt verdächtig.

«Hier links, da haben wir weisses Rauschen, dort unten wäre es wohl eher pink.» Claudio Landolt zeigt vom Bergweg hinüber zum Gleiterbach, der uns tosend begleitet, etwa tausend Höhenmeter unter dem Gipfel. Pinkes Rauschen? Schon hat er mich hineingezogen in sein Deep Listening, in die hörbaren Frequenzen, wo man nicht mehr sagen könnte, ob etwas noch Geophysik ist oder schon Poesie. Der Sound des Bachs hat Farben bekommen.

Ins Gestein hinein

Knapp 36 Minuten lang ist das Hörstück, das der Glarner Musiker und Autor aus seinen Aufnahmen am Berg erschaffen hat, die Tonspuren hat er am Computer komponiert wie geologische Schichten. Zu Beginn vernimmt man nur ein fernes Rauschen, dann mischt sich ein leises Rascheln darunter, weiter hinten ein paar Männerstimmen – und plötzlich stehen wir mittendrin im Gebimmel einer blökenden Schafherde. Doch schon hier erzeugt diese Klangcollage auch ein Vexierbild im eigenen Kopf: Dieses Tier, das so laut und vorwitzig aus der Herde blökt, ist das wirklich ein Schaf? Klingt das nicht eher wie ein Mensch, der sehr überzeugend ein Schaf nachäfft?

Und dieser leise Puls jetzt? Ist es das Herz des Bergs, das man hier schlagen hört? «Das ist das Lauiherz», erklärt Landolt. Prosaischer gesagt: Es ist das gleichmässige Tröpfeln von Schmelzwasser, aufgenommen im Innern eines Lawinenrests.

Mit Tonabnehmern in den Schnee eintauchen, unter das Laub und dann in den Berg, ins Gestein hinein: Die Idee dazu hat er sich bei «Blue Velvet» von David Lynch abgeschaut. In der ersten Szene schweift dort die Kamera von einem gepützelten Rasen langsam ins Gras hinab und gräbt sich dann weiter ins Erdreich, hinein ins Geraschel, zu den schmatzenden Käfern, wo das oberirdische Leben kompostiert wird. So ähnlich wollte Landolt dann eben dem Hausberg daheim in Glarus auf den Leib rücken, diesem unerschütterlichen Klotz vor seiner Nase. Vorderglärnisch: der kleinste Gipfel im Glärnischmassiv, nur 2328 Meter hoch und doch ein richtiger Brocken. Aber wenn man ihn von weiter vorn im Tal sieht, hat er die Form eines sauber gezogenen Dreiecks. Wie ein Triangel, sagt Landolt: «Ich dachte mir, der muss ja irgendwie tönen.»

Den Berg abtasten

Wenn man will, kann man ja alles zum Klingen bringen, da muss man Landolt nichts erzählen. Beim Schweizer Radio arbeitet er Teilzeit als Musikredaktor, daneben singt und spielt der 37-Jährige in verschiedenen Formationen. Zuletzt hat er mit einem seiner Bandprojekte eine ganze Platte mit Kochrezepten eingesungen, Kotzfrucht nennt sich das Duo. Partyorgeltrash mit billigem Drumcomputer, dazu werden Rezepte von Heringsülze bis Ananasfleischpastete vorgetragen, als wären es alternative deutsche Schlager aus den Wirtschaftswunderjahren.

Im Vergleich dazu ist das klingende Bergporträt, entstanden im Rahmen seiner Masterarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste, die reinste Meditationskunst. 130 Stunden Material hat er dafür aufgezeichnet. Ungeheuer viel: Bei sechs Stunden Schlaf pro Nacht bräuchte ein Mensch mehr als eine Woche, um das Rohmaterial einmal ganz durchzuhören. Ungeheuer wenig, sagt Landolt: «In der Zeitrechnung des Bergs ist das natürlich ein Mückenfurz.»

Wenn er von seiner Feldforschung im Steilhang berichtet, kommt immer mal wieder ein kurioser Satz heraus. Etwa: «Wie viele Bäume muss ich aufnehmen, damit ich einen Wald höre?» Das ist eine ästhetische, keine esoterische Frage. Landolt hat den Berg und die Bäume zwar abgehört, aber nie hat er angefangen, mit ihnen zu sprechen: «Es war nicht so, dass mich das in ein spirituelles Nirwana geführt hätte.» Lieber spricht er von der sinnlichen Dimension seiner Arbeit: davon, wie er den Berg abtasten und dabei die eigene Ehrfurcht vor ihm herausschälen wollte. Ja, ein bisschen Hybris war schon auch dabei: «Ich wollte dieses Ding zum Erzittern bringen.»

Folklore verboten

Und zittert er, der Berg? Das vielleicht nicht direkt. Aber er schwingt, er singt. Mitten in der Klangcollage hängt einmal ein einzelner Ton in der Luft, dann schleicht sich ein sanftes Schnarchen dazwischen und dann eine Art kosmisches Seufzen. Ein paar Minuten lang verdichtet sich diese Audioskulptur zu so etwas wie abstrakter Musik, als seien wir in einem heidnischen Ritual gelandet – ein Sirren und Rauschen wie von prähistorischen Instrumenten, die noch gar nicht erfunden sind. Gegen Ende hin verschwindet der Mensch mit seinen Geräuschen dann vollends, wir sind jetzt klanglich im vom Wasser ausgehöhlten Inneren des Bergs angelangt. Wie viele Verben bräuchte man, um die Sounds dieses Wassers zu beschreiben?

Man muss gar nicht so genau wissen, was hier alles tönt, dann hört man besser hin. Ablesen kann ich es in Landolts Atelier in Glarus. Zwischen Plattenregal und einem alten Harmonium ist ein Papier an die Wand gepinnt, auf dem er stichwortartig die Geräuschquellen notiert hat, in ihrer dramaturgischen Abfolge. «Seilbahn», «Gipfelradio», «Felsresonanzen», aber auch «Alphorn». Ja, er hat eigens ein paar Alphornbläser an den Berg bestellt. Aber die hat er dann gebeten, nur einen einzigen Ton zu spielen. Folklore verboten.

Jeden Bergkitsch wollte er vermeiden, als Negation steht das gleich dreifach auch im Titel des Buchs, das aus der Klangrecherche entstanden ist: «Nicht die Fülle nicht Idylle nicht der Berg» heisst es, ein gedrucktes Destillat seiner Arbeit, zwischen konkreter Poesie und geologischer Wortmusik. Epochen und Begriffe reiben sich hier aneinander: «Schlamm ist ein Schwebezustand», heisst es einmal, ganz lapidar und paradox nur auf den ersten Blick. Oder: «Richtung Baumgarten tragen die Salamander Latex.»

Bis die Formanten tanzen

«Ich weiss nicht, ob ich ein Dichter bin, nur weil ich jetzt einen Gedichtband herausgegeben habe», sagt Landolt. «Ich glaube nicht.» Ein Buch jedenfalls war anfangs nicht vorgesehen, die literarische Dimension seiner Klangforschung ist ihm erst aufgegangen, als er sich daran machte, die aufgenommenen Sounds zu kategorisieren. Dabei hat es ihm auch die wissenschaftliche Sprache des früheren ETH-Geologen Conrad Max Schindler angetan, dessen Studien am Vorderglärnisch er im Buch zu literarischen Miniaturen verdichtet: «Feinspätiger Kalk, welcher starr von flachsigen, dunkelgrauen Tonhäuten durchzogen ist und deshalb etwas knollig anwittert.» Die geologische Beschreibung wird so zum lyrischen Wortproviant.

Aber wie hat er denn nun die Felsresonanzen zum Klingen gebracht, wie das seismische Rauschen des Bergs aufgenommen und am Computer in den hörbaren Bereich geholt? Im Buch kann man das genau nachlesen: Erst die aufgezeichneten Eigenfrequenzen des Bergs beschleunigen, bis man dessen Gerumpel und Gerülpse hört, dann die stärksten Ausschläge anheben und alles Übrige absenken, bis man sie tanzen hört, die Bergklangformanten. Auch hier also: penible Beschreibung der Methodik, bis es nahtlos in Poesie übergeht.

«Der Berg will schon Musik sein», sagt Claudio Landolt. Wobei, ob der Berg das will, ist ja dann doch eine esoterische Frage. Aber dass er Musik ist: Das steht jetzt ausser Zweifel.

Klangstück: www.vorderglaernisch.com

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