Nr. 43/2016 vom 27.10.2016

Unendlich viele Wahrheiten

Ruedi Widmer erklärt den Postfaktismus wissenschaftlich

Von Ruedi Widmer

Das postfaktistische Zeitalter begann am 1. Oktober offiziell. Bis Ende Oktober gibt es noch eine Schonfrist für Fakten. Ich habe schon länger auf postfaktistisches Schreiben umgestellt. Fakten (PostfaktistInnen sagen zu Recht auch «Fuckten» dazu) sind eine Störung der Wahrheit, kleine Verklumpungen, die ein konkretes Aussehen annehmen, aber dadurch den Fluss der Wahrheit stören. Wahrheit kennt keinen Festzustand, sondern sie ändert sich von Sekunde zu Sekunde und kann ganz verschiedenartig aussehen wie alles im Leben.

Wenn in der Zeitung steht, die Grasshoppers und der FC St. Gallen hätten sich 2 : 2 getrennt, dann muss man davon ausgehen, dass 0 : 1, 4 : 1 und 8 : 3 ebenso stimmt.

Subjektivität ist das Wort, um postfaktistische WissenschaftlerInnen zu verdammen. Postfaktistische Politiker wie der geschätzte Donald Trump werden als Lügner abgetan. Das neue Weltbild wird verdammt. Der zu seiner Zeit ebenso missverstandene Galileo Galilei würde sich im Grab umdrehen. Und so drehe ich mich auch in meinem Grab um, wenn ich sehe, wie ich auf den folgenden Zeilen nicht verstanden werde.

Wer sich ein bisschen in Quantenphysik auskennt, weiss, dass sich Teilchen in Experimenten anders verhalten, wenn sie unter Beobachtung stehen. Teilchen können auch verschiedene Zustände gleichzeitig haben.

Ich zitiere, noch ganz faktisch, von der Website naklar. at: «Im Doppelspaltexperiment wird ein Quantenteilchen – etwa ein Lichtteilchen, ein Elektron oder ein Atom – auf eine Platte mit zwei Schlitzen geschossen. Erstaunlicherweise zeigt sich, dass das Teilchen durch beide Schlitze gleichzeitig dringt und sich dahinter wellenartig mit sich selbst überlagert. Dadurch entsteht hinter den Schlitzen ein Wellenmuster, das sich nur durch die Annahme erklären lässt, dass das Teilchen zwei verschiedene Wege gleichzeitig zurückgelegt hat. Es liegt in einer Überlagerung des Zustandes ‹rechts› und des Zustandes ‹links› vor (…). – Sobald man den Weg des Teilchens genau verfolgt, legt das Teilchen nicht mehr beide Wege gleichzeitig zurück, sondern jedes Mal nur noch einen – das Wellenmuster, das durch Überlagerung von zwei möglichen Wegen entstanden ist, verschwindet. Durch die Entscheidung des Experimentators, den Weg des Teilchens zu beobachten, wird das Experiment also verändert. Die Beobachtung zwingt das Teilchen dazu, sich für eine der Möglichkeiten zu entscheiden.»

Das heisst: Menschen, die die Not von Flüchtlingen sehen, sind BeobachterInnen und sehen die Welle, in diesem Fall die Flüchtlingswelle, nicht. Sie sehen nur das eine Teilchen, den einzelnen Menschen. Für Menschen, die nicht hinschauen, existiert die Flüchtlingswelle. Mit zwei Schlitzen erhalte ich zwei Wahrheiten.

Und so kann man Teilchen durch eine unbegrenzte Anzahl von Schlitzen schiessen und wird unbegrenzt Wahrheiten erzeugen. Natürlich wird so eine Menge Abfall produziert. Die Lagerung desselben findet im Trump-Tower statt.

Es gibt also unendlich viele Wahrheiten. Die WissenschaftlerInnen, die etwas von der Sache, die ich oben beschreibe, verstehen, werden meine Schlussfolgerung lächerlich finden. Leute, die nicht hinsehen und Dinge nur vom Hören- und Weitersagen kennen, werden mir hingegen begeistert zustimmen. Postfaktisch gesehen habe ich wissenschaftlich recht. Auch vom professionell wirkenden Klang meiner Schlussfolgerung her werden mir viele zustimmen.

Nicht hinschauen oder etwas nicht richtig verstehen bedeutet folglich nicht mehr, dass man nichts von der Sache versteht, sondern dass man sich für einen möglichen Zustand der Sache entschieden hat. Schlechte Zeiten für Kulturpessimistinnen und Aufklärer.

Die PostfaktistInnen sind die Einsteins unter den Menschen.

Haben Sie verstanden? Na klar.

Ruedi Widmer sitzt täglich an seinem Postfaktisch.

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