Nr. 43/2016 vom 27.10.2016

Steinbeck und The Jam im Kinderzimmer

Herzzerreissender Abgesang auf die US-Arbeiterklasse: Der Schriftsteller und Songwriter Willy Vlautin tourt zum letzten Mal mit seiner Band Richmond Fontaine.

Von Marcel Elsener

Willy Vlautin (Zweiter von links) und seine Band Richmond Fontaine. Foto: Decor Records

«No Depression» nannte die stilbildende Alternative-Country-Band Uncle Tupelo 1990 ihr erstes Album, nach einem Song der Carter Family über die Great Depression der dreissiger Jahre. Denselben Titel trug später ein US-Fachmagazin für das aufblühende Genre, das die Musik alternder Nashville-Outlaws wie Willie Nelson mit dem Furor von Punk verband und postindustriell aktualisierte. Das ist über ein Vierteljahrhundert her, und in den USA sind die Lebensumstände seither keinen Deut besser, sondern unaufhaltsam schlechter geworden.

Auftritt Richmond Fontaine, benannt nach einem «abgebrannten Hippie-Expat», der einst dem Bassisten half, als er in der mexikanischen Wüste stecken blieb. Bei ihrer Gründung 1994 ist die Band aus Portland, Oregon, zu spät dran und in ihrer hemdsärmeligen Schluffigkeit auch zu wenig ehrgeizig, um im Genre so berühmt zu werden wie Calexico und Co. 22 Jahre und elf Alben später ist sie das trotz allen Kritikerlobs noch immer nicht. Nach der laufenden Abschiedstour wird sie sich in Freundschaft auflösen, immerhin sind mittlerweile auch grössere Säle in Dublin oder Manchester ausverkauft.

Gitarre gegen Quälgeister

Der späte «Erfolg» liegt an Willy Vlautin, Songschreiber und Sänger der Band, der nie so recht wusste, was ihm näherliegt: das Musikmachen mit der Band oder das Schreiben von Romanen. Beides hatte ihm sein älterer Bruder empfohlen, mit dem Vlautin, geboren 1967, in Reno, Nevada, aufwuchs. Der Bruder schenkte ihm eine Gitarre gegen die Selbstzweifel und die Schulprobleme: «Write about what hurts you and haunts you.» Fortan fasste Vlautin die Quälgeister in der tristen Casinostadt in Songlines, «im Kinderzimmer ein Bild von John Steinbeck und eines von The Jam». Der übergrosse US-Schriftsteller und die englische Mod-Punk-Band, beides dem Sozialrealismus verpflichtete Vorbilder, halfen in einer Umgebung, die ihn schon als Jugendlichen in «Altmännerbars» abstürzen liess. Vlautin hielt sich als «Drifter» mit Gelegenheitsjobs über Wasser, auch nach dem Umzug nach Oregon. Als er 2011 nach Reno zurückkehrte, fühlte er sich dort «zum ersten Mal nicht als Penner» – auf dem Set der Verfilmung seines Debütromans «The Motel Life» (2008). Und erst noch an der Seite von Kris Kristofferson, einem Country-Outlaw-Helden, der den Film später als besten seiner Karriere bezeichnete.

Mittlerweile hat Vlautin vier Romane verfasst, zuletzt «Die Freien» (2015), alle spielen sie im Milieu der weissen Unterschicht, zynisch «White Trash» genannt und angeblich der Bodensatz von «Trumpland». Vlautin erzählt, im gleichen Setting wie George Packers soziologische Reportage «Die Abwicklung», todtraurige Geschichten aus der gebeutelten Arbeiterklasse: schonungs-, aber nie gnadenlos, vielmehr mit unglaublicher Empathie. Dem «Würgegriff» der rechten Tea-Party-Bewegung und des «Irren» Donald Trump hält der Menschenfreund Vlautin die Ehrenrettung seiner Figuren entgegen: In «Die Freien» sind es ein hirnverletzter Irakveteran, ein Wohnheimnachtwächter, der tagsüber Baufarben verkauft, und eine Krankenschwester, die sich neben dem Job für ihren verrückten Vater und ein Junkiemädchen aufreibt – Letztere ist nur die jüngste der starken Frauenfiguren, die Vlautin als Hoffnungsträgerinnen ins frauenfeindliche Land stellt. Nicht umsonst nennt er die Schriftstellerin Flannery O’Connor als Vorbild, nebst Raymond Carver und selbstverständlich Steinbeck, dessen berühmtes Motto über die Schwächen der Menschen er seinem dritten Roman «Lean on Pete» voranstellte: «Es ist wahr, dass wir schwach und krank und hässlich und streitsüchtig sind, aber wenn das alles ist, was wir sind, wären wir vor Jahrtausenden schon von der Erde verschwunden.»

Der bescheidene Vlautin erzählt schmerzhaft nah an seinen Figuren und ungeschminkt vom Leben ganz unten; er will auch «für jene schreiben, die sonst nie einen Roman lesen». In den USA lobte George Pelecanos, als Drehbuchschreiber von «The Wire» eine berufene Stimme in Sachen Street Credibility, «Northline» (2009) als besten Roman der nuller Jahre, und für William Boyd ist Vlautin der «grossherzige Schutzheilige der kaputten Underdogs».

Tränen bei der Lektüre

Fans kennen das Problem: Allein die Nacherzählung seiner Geschichten oder das Anspielen der selten auf Anhieb eingängigen Richmond-Fontaine-Songs vermögen nicht einmal beste FreundInnen zu packen. Loser-Country gegen «Trumpland»? Ach komm … Dann muss man persönlich werden und gestehen, dass einem beim Konzert im «El Lokal» in Zürich die Tränen kamen und bei der Lektüre von «Die Freien» erst recht. Was natürlich niemandem etwas hilft, weder den ProtagonistInnen noch den besten FreundInnen. So oder so wird Vlautin weitermachen, in der Soul-Country-Band The Delines mit Sängerin Amy Boone und als Schriftsteller, der sich keine Illusionen über den Ausgang der Präsidentschaftswahlen macht: «Egal wer gewinnt, es ist traurigerweise kein Ende in Sicht. Es wird ein langer mühevoller Weg, bis Amerika sein kaputtes System überwindet.»

Konzerte: St. Gallen, Palace, Sonntag, 30. Oktober 2016; Zürich, El Lokal, Montag, 31. Oktober 2016.

Die Bücher von Willy Vlautin sind auf Deutsch im Berlin Verlag erschienen, auf Englisch bei Faber & Faber.

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