Nr. 44/2016 vom 03.11.2016

«Wie wird man Frauenhistorikerin?»

Die Historikerin Elisabeth Joris stammt aus dem Wallis, lebt jedoch seit 1966 in Zürich. Studieren konnte sie erst mit einer Spezialerlaubnis, und als sie um 1980 promovieren wollte, kam ihr die Frauenbewegung dazwischen.

Von Stefan Keller (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Elisabeth Joris in ihrer Wohnung: «Es hiess, die Frauen würden nur studieren, um sich etwas Bildung für eine gutbürgerliche Ehe anzueignen.»

WOZ: Elisabeth Joris, unter dem Titel «Historie als feministisches Argument» fand kürzlich ein Symposium zu Ihrem 70. Geburtstag an der Universität Bern statt. Sie waren dabei. Was haben Sie gelernt?
Elisabeth Joris: Dass es sehr fruchtbar ist, interdisziplinär zu arbeiten und mit Leuten zu arbeiten, die jünger sind. Für mich war es überwältigend. Neun Personen haben vorgetragen. Die meisten davon waren deutlich jünger als ich. Mit allen hatte ich zu tun, sei es als Forscherin, sei es als intervenierende Historikerin im öffentlichen Raum.

Spricht man von feministischer Geschichte in der Schweiz, dann fällt sofort der Name Elisabeth Joris. Wie sind Sie eigentlich Frauenhistorikerin geworden?
Ich habe Geschichte studiert, weil mich dieses Fach – und zwar ohne direkte Zielrichtung – stets interessierte. Doch zuerst machte ich die Handelsschule in Siders und Sion und arbeitete als Sekretärin. Einmal half ich sogar bei Sepp Blatter aus, als er noch Zentralsekretär des Schweizerischen Eishockeyverbands war.

Sie waren Sekretärin von Sepp Blatter?
Nur ganz kurz. Etwa mit achtzehn. Als Au-pair in England beschloss ich dann zu studieren. Ich meinte, das sei mit meiner Handelsmatura möglich, aber leider wurde sie ausserhalb des Kantons nicht anerkannt. Ziemlich absurd, denn im Wallis gab es ja keine Hochschule. Eine Kanzlistin der Universität Zürich empfahl mir – 1966 –, mich direkt an den zuständigen Regierungsrat zu wenden, dieser gab mir eine Sondererlaubnis: Ich durfte Sekundarlehrerin studieren, aber wegen der fehlenden Matura durfte ich mich nicht immatrikulieren. Ich wählte die sprachlich-historische Richtung und besuchte auch Lehrveranstaltungen bei Historikern wie Leonhard von Muralt oder Max Silberschmidt. Was ich da hörte, war sehr ältliche Geschichte. Trotzdem wollte ich das Fach studieren.

Wie lange arbeiteten Sie als Sekundarlehrerin?
Eineinhalb Jahre. In jener Zeit holte ich bei der AKAD das Latinum nach, und mit dem Sekundarlehrerinnenpatent und dem Latinum fragte niemand mehr nach der Matura. 1970 kehrte ich an die Uni zurück. Wichtig ist: Sowohl das Lehrerinnenstudium als auch das Geschichtsstudium waren mit Aufbrüchen verbunden. Zuerst die Bewegung von 1968 und danach der Aufbruch der Frauenbewegung. An beiden Bewegungen war ich beteiligt.

Im Zusammenhang mit 1968 kam der Historiker Rudolf Braun an die Uni Zürich …
Er ist vor den Berliner Achtundsechzigern nach Zürich geflohen!

… und stand hier für eine ganz andere Geschichte?
Für eine komplett andere Geschichte, die nicht auf Personen fokussierte. Bei von Muralt hatte es zwei Semester lang Bismarck gegeben. Reine Personengeschichte, man bekam den Eindruck, die ganze Politik sei von Bismarck allein definiert und gestaltet worden. Bei Braun ging es um soziale Strukturen; die Personen spielten kaum eine Rolle.

Er öffnete das Fach hin zur Sozialgeschichte?
Er war neugierig auf alles Soziale und hat das Geschichtsstudium total geöffnet. Für die Achtundsechziger war Braun eine sehr wichtige Figur. Dass man sich nun auch mit Arbeitern und Arbeiterinnen beschäftigen konnte, entsprach seinem wissenschaftlichen Interesse. Braun veranstaltete auch das erste Seminar zur Frauengeschichte – zusammen mit seinem Assistenten Albert Tanner.

Gab es zu jener Zeit viele Frauen an der Uni?
Im Bereich Französische Literatur, meinem zweiten Nebenfach, gab es einige gut wahrnehmbare Gruppen von Frauen. Doch man diskreditierte sie. Es hiess, sie studierten dieses Fach bloss, um sich etwas Bildung für eine gutbürgerliche Ehe anzueignen. Man sprach von einem «Studium mariage».

Studium mariage!
Im Fach Geschichte waren Frauen aber noch selten. Ich selber war 1966 als junge Studentin recht zurückhaltend und verschüchtert – auch wegen der Walliser Herkunft und weil mir ja zunächst die Legitimität der Matura fehlte. Es war ein langer Weg, bis ich lernte, öffentlich so zu reden, wie ich es heute kann.

Am Ende des Studiums schrieben Sie eine Lizenziatsarbeit über sozialen Wandel im Wallis.
Ich bekam eine hervorragende Beurteilung von Rudolf Braun und plante, daraus eine Dissertation zu machen. Die Lizarbeit war 250 Seiten dick. Alle weiteren benötigten Materialien waren vorhanden. Forschung wäre nicht mehr nötig gewesen. Doch seit Mitte der siebziger Jahre war ich auch in der Frauenbewegung aktiv und wurde dort immer aktiver.

Sie hatten andere Prioritäten?
Das war das eine. Das andere: Für die Lizarbeit musste ich viele Jahre ganz alleine schuften. Jetzt hatte ich Lust, mit jemandem zusammenzuarbeiten. Dank eines gemeinsamen Freundes lernte ich Heidi Witzig kennen. Auf einer Wanderung wurde beschlossen: Wir machen ein Quellenbuch zur Frauengeschichte.

Elisabeth Joris (70) gab 1986 zusammen mit Heidi Witzig das Buch «Frauengeschichte(n). Dokumente aus zwei Jahrhunderten zur Situation der Frauen in der Schweiz» heraus, das schnell ein Grundlagenwerk nicht nur der feministischen Geschichte geworden ist. Ihre Dissertation veröffentlichte sie erst nach der Pensionierung zu einem anderen Thema als ursprünglich geplant.

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