Nr. 47/2016 vom 24.11.2016

Was sind Ihre politischen Projekte?

Mit siebzig Jahren beschreibt die Historikerin Elisabeth Joris, wie sich ihr Verhältnis zur Wissenschaft verändert hat und warum sie den Bundesrat verklagen wird.

Von Stefan Keller (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Elisabeth Joris: «Ich bin mit der Zeit auch etwas akademischer geworden. Manchmal denke ich, dass ich früher besser kommunizierte.»

WOZ: Elisabeth Joris, als Forscherin, die vorzüglich schreiben kann, nimmt man Sie auch ausserhalb des Universitätsbetriebs wahr. Wie ist Ihr Verhältnis zur akademischen Wissenschaft?
Elisabeth Joris: Ich bin gleichzeitig drinnen und draussen: Seit der Zeit des Projekts «Frauengeschichte(n)» bin ich mit Frauen vernetzt, die in den Unis arbeiten, mit Studierenden und Lehrenden. Mehrfach hatte ich universitäre Lehraufträge. Trotzdem bin ich freischaffende Historikerin geblieben.

Hat sich Ihr Verhältnis zur Wissenschaft im Lauf der Zeit verändert?
Ich habe mich sehr stark mit theoretischen Fragen auseinandergesetzt. Das brachte mir wissenschaftlichen Gewinn. Allerdings bin ich mit der Zeit auch etwas akademischer geworden. Manchmal denke ich, dass ich früher besser kommunizierte.

Wie kommt das?
Im universitären Zusammenhängen gibt es eine starke Paper-Kultur, von der ich mich vielleicht anstecken liess.

Mündlich haben Sie eher eine mäandrierende, assoziative Art, zu erzählen.
Genau das meine ich. Einerseits ist es gut, dass ich gezwungen bin, meine Texte wissenschaftlich zu formulieren. Andererseits gehört es zu meinen Stärken, in Bildern und Beispielen zu schreiben, auch für ein nichtakademisches Publikum. Oft versuche ich, beides zu machen. Aber es spielt eben eine Rolle, ob man mündlich kommuniziert – wie wir beide jetzt – oder in geschriebenen Texten für eine Community, in der es vor allem um neue Erkenntnisse geht und in der jede Konnotation genau stimmen soll.

Wie stehen Sie zu jüngeren Themen der Geschichtswissenschaft, zu postkolonialen Studien, zum Schlagwort «Intersektionalität»?
Ich interessiere mich sehr dafür. Intersektionalität ist für mich ein entscheidender Begriff. Ausgehend von der Kritik schwarzer US-Feministinnen, die mit der Verknüpfung von «race», «gender» und «class» eine differenziertere Analyse der Diskriminierung einforderten, ist es für die feministische Geschichtsforschung heute selbstverständlich, verschiedene Kategorien miteinander zu verknüpfen. Geschlecht und soziale Abhängigkeit gehören dazu. Je nach zeit- und gesellschaftspolitischem Kontext unterscheiden sich die Diskriminierungsformen, also je nachdem, ob die Thematik in einem urbanen oder nichturbanen Kontext steht, im liberalen Aufbruch der Schweiz des 19. Jahrhunderts oder im postkolonialen Westafrika. Ebenso wie sich je nach Kontext die Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit ändern. Ein etwas seltsames Beispiel: Wenn eine Frau mit Hanteln arbeitet und davon Muskeln bekommt, hätte das vor fünfzig Jahren noch als Unweiblichkeit schlechthin gegolten. Heute gilt es hier eher als eine Methode, den Körper fit zu halten. Mir fällt dieses Beispiel ein, weil ich mir selber vorgenommen habe, die Muskeln zu trainieren.

Sie sind siebzig geworden und verfolgen weiterhin auch politische Projekte. Welche?
Aktuell habe ich drei Schwerpunkte. Erstens das Engagement für die Sans-Papiers. Ich habe mich als Historikerin verschiedentlich mit «Dienstmädchen» und Hausarbeit beschäftigt. Daher wurde ich für die vor kurzem beendete Kampagne «Keine Hausarbeiterin ist illegal!» zur Regularisierung des Status von Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen angefragt, diese nach aussen zu repräsentieren. Also auch hier eine Verkettung von Wissenschaft und Bewegung.

Der zweite Schwerpunkt?
Hier geht es darum, den Bund per Eingabe einer Klage zu einer rascheren Umsetzung der Klimaziele zu verpflichten. Dazu haben wir mit Greenpeace einen Verein gegründet, die «KlimaSeniorinnen». – Warum Seniorinnen? Für eine solche Klage müssen wir eine direkte Betroffenheit nachweisen, und Frauen über siebzig – erst recht über achtzig – sind vom Klimawandel gesundheitlich stärker betroffen.

Das kann man beweisen?
Ja, das belegen offizielle Untersuchungen. Wir haben Mitglieder, die das Haus nicht mehr verlassen dürfen, wenn die Temperatur über dreissig Grad steigt. Jetzt klagen wir, weil der Staat aufgrund der Verfassung und der Menschenrechte verpflichtet wäre, mehr zu tun.

Ihr drittes Projekt?
Seit den siebziger Jahren bin ich in der Gewerkschaft VPOD aktiv. Dort haben wir neu eine Gruppe der LehrerInnenseniorInnen gegründet, abgekürzt «LehSe». Wir organisieren Veranstaltungen. Die erste beschäftigte sich damit, wie wir unsere Kompetenzen weiterhin nützlich für die Gesellschaft einsetzen können.

Auch in der feministischen Bewegung sind Sie noch aktiv?
Selbstverständlich bin ich in der feministischen Bewegung weiterhin verankert, etwa bei der Wide, einem Netzwerk zu Genderfragen, oder im Verein Feministische Wissenschaft. Bei den «KlimaSeniorinnen» haben übrigens viele Mitglieder dreissig oder vierzig Jahre feministische Bewegung hinter sich. Wir sind dort ein heiteres Grüppli.

Elisabeth Joris (70) veröffentlicht demnächst einen Artikel über Frauen im Ersten Weltkrieg; noch im November wird ein Text von ihr über Industrialisierung im Alpenraum publiziert, für nächstes Jahr stehen die Themenbereiche «Alpengeschichte und Frauenstimmrecht», «Genderfragen in der Geschichtswissenschaft» sowie «100 Jahre Generalstreik 1918» an.

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