Nr. 45/2016 vom 10.11.2016

Weit weg vom Schmierfolk

Von Timo Posselt

Manchmal sind Musikvideos Kunstwerke für sich, wie die irrsinnigen Clips der Musikerin Weyes Blood. In «Seven Words» wird sie als Autostopperin verschleppt, mit einem Tintenfisch geknebelt und ins Meer geworfen, wo sie als Meerjungfrau wiederaufersteht. Im Video zu «Do You Need My Love» werden alle Figuren mit vertauschten Geschlechterrollen gespielt, die Sängerin selbst trägt Schnauz und 18.-Jahrhundert-Aussteigerkleidung, und wie sie so durch den Wald stapft, trifft sie bei einer Blockhütte auf Gleichgesinnte. Zusammen (und mit einem Bären) nehmen sie selbstgebraute Drogen, bis das Gelage zur sündhaften Orgie wird.

Es mag schwer vorstellbar sein, aber das Video ergänzt hier den Sound perfekt: Was erst wie ein Joan-Baez-Gedächtnis-Song daherkommt, kippt nach drei Minuten bedrohlich ins Psychedelische. Allerei Elektronik fiept und bäumt sich auf – bis die verkaterte Bande im Video von einem Jäger mit Flinte aufgescheucht wird. Solch gewiefte Fopperei unserer Erwartungen ist bezeichnend für Natalie Mering, wie die 28-Jährige mit bürgerlichem Namen heisst. Während die Lumineers und Mumford & Sons mit ihrem retroromantisierenden Schmierfolk Stadien füllen, legt die Kalifornierin in ihre mitsummbaren Folksongs stets kleine Deutungsminen. So impliziert schon der Titel des neuen Albums «Front Row Seat to Earth» die Erde als Varieté – als könnte man in der ersten Reihe sitzen, wenn sie hochgeht.

Schliesslich gelingt ihr auch das waghalsige Unterfangen, mit «Generation Why» eine Hymne für die eigene Generation zu schreiben, trotz aller erdenklichen Fallen. Zu akustischer Gitarre und Pathos à la Simon & Garfunkel gipfelt diese im schleppend gesungenen Refrain: «Y-O-L-O, Why?». «Yolo» steht bekanntlich für «You only live once» und dient als Hashtag und Rechtfertigung für eh jeden pubertären Seich. Damit zieht Weyes Blood nicht nur die eigene Generation, sondern wiederum alle durch den Kakao, die im Song etwas über diese herauslesen glauben zu können. Natürlich ist das Video genauso ausgefuchst. Doch auch hier gilt, dass die Musik bestens alleine stehen kann.

Konzerte: St. Gallen, Palace, 19. November 2016; Genf, La Gravière, 20. November 2016.

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