Nr. 46/2016 vom 17.11.2016

«Teufelskreis aus Angst und Stress»

Seit April sitzt die baskische Aktivistin Nekane Txapartegi in Auslieferungshaft. In Spanien drohen ihr fast sieben Jahre Haft. Die WOZ hat sie im Frauengefängnis in Dielsdorf besucht.

Von Merièm Strupler

Im Kostüm baskischer Karnevalsvorboten: Solidaritätsdemonstration für Nekane Txapartegi am 24. September in Bern. Foto: Franziska Rothenbühler

Hinter der Trennscheibe sitzt eine zierliche Frau mit braunen, schulterlangen Haaren. Die Trennscheibe geht bis zur Decke hoch, teilt den ohnehin schmalen, kargen Raum in zwei Hälften. Die Frau auf der anderen Seite ist Nekane Txapartegi. Jahrelang war die 43-jährige Aktivistin auf der Flucht vor dem spanischen Staat, bis sie im April in Zürich verhaftet wurde. Hier im Frauengefängnis Dielsdorf haben wir exakt sechzig Minuten Zeit.

WOZ: Frau Txapartegi, Sie nennen sich politische Gefangene. Warum?
Nekane Txapartegi: Ich fühle mich gleich wie die anderen Gefangenen hier. Aber ich nenne mich politische Gefangene, weil ich wegen meiner politischen, antikapitalistischen, feministischen Überzeugungen verhaftet, gefoltert und verurteilt wurde. Und ich kämpfe weiter gegen dieses System. Ich bin aber solidarisch mit den anderen Gefangenen. Ich helfe, wo ich kann.

Wie das?
Etwa mit der Sprache. Viele hier drin können kaum oder kein Deutsch. Viele hier haben keine Unterstützung von draussen und sind in einer anderen Situation als ich. Ich meine, das Gefängnis ist voll von Armen, wirklich. Draussen tun sie Dinge, gegen die ich nichts habe, aber die nicht gegen das System an sich gerichtet sind, zumindest nicht bewusst. Manchmal überrascht mich die Angst der anderen Gefangenen, was sie alles akzeptieren. Bei mir wissen die Wärter, dass sie nicht alles machen können. Ich wehre mich.


Nekane Txapartegi: «Ich glaube an internationale Solidarität und an den politischen Druck.»

Txapartegi zu besuchen, war nicht einfach. Die Direktion der Untersuchungsgefängnisse Zürich verweigerte eine Medienbewilligung, das Treffen wird also von ihrem Besuchskontingent für Familie und FreundInnen abgezogen. Die Gefängnisleitung verbot, dass das Gespräch aufgenommen wird. Die Medienstelle des Amts für Justizvollzug verlangte erst, den Artikel vor Drucklegung lesen zu können – wollte dann aber «nicht unnötig das Bild einer Zensurbehörde heraufbeschwören».

Frau Txapartegi, werden Sie anders behandelt als die anderen Inhaftierten?
Lesen die Wärter und Polizisten meine Akte, werden sie nervös. Nicht wegen meines Verhaltens, sondern wegen dem, was in der Akte steht. In der Kaserne in Zürich musste ich sogar in Handschellen in den Hofgang – für mich galt die höchste Sicherheitsstufe.

Sie wurden am 6. April in Zürich verhaftet und sind nun über sieben Monate im Gefängnis. Wie geht es Ihnen?
Es ist ein Überlebenskampf. Unsere Zeit gilt nichts hier drin. Und es herrschen patriarchale Strukturen – als Frauen werden wir zweimal bestraft. Weil wir unsere Rolle in der Gesellschaft nicht akzeptiert haben und weil Gefängnisse nun mal von Männern für Männer gemacht sind. Das Gefängnis ist ein Spiegel der Gesellschaft. Draussen sind es grössere Zusammenhänge, Kapitalismus, Sexismus … aber hier drin werden die Machtstrukturen sehr deutlich sichtbar.

Worin zeigt sich das?
Zum Beispiel dürfen wir uns nicht schminken, im Gefängnis in Zürich durfte man keine zu knappe Kleidung tragen. Man kontrolliert und isoliert uns – sozial, sprachlich, körperlich, sexuell. Sie nehmen uns alles.

Wie geht es Ihnen psychisch?
Die Erinnerungen an die Folter im Kommissariat der Guardia Civil kommen wieder hoch. Diese Bilder, diese Ängste – ich habe so lange versucht, sie zu vergessen. Aber nun werde ich wieder zurückgeworfen in diesen Albtraum. Ich bin in einem Teufelskreis aus Angst und Stress. Im Alltag erinnert mich vieles an das Kommissariat. Das Geräusch des Schlüssels bringt mich zurück dorthin. Die Türen, die ins Schloss fallen. Öffnen sie als Nächstes die meiner Zelle? Wenn ich auf der Toilette sitze und plötzlich geht die Tür auf …


Die Ereignisse, an die sich Txapartegi erinnert, liegen fast zwanzig Jahre zurück. Als 22-Jährige war sie zur Gemeinderätin der baskischen Linkspartei Herri Batasuna im Dorf Asteasu gewählt geworden. Drei Jahre später startete der spanische Staat eine neue Repressionsstrategie gegen die baskische Unabhängigkeitsbewegung. Unter dem Motto «Todo es ETA» (Alles ist Eta) wurden Hunderte baskische BürgerInnen verhaftet – AktivistInnen, Journalisten und Politikerinnen. Darunter auch die damals 26-jährige Gemeinderätin Txapartegi. 1999 von der Guardia Civil festgenommen, war sie während fünf Tagen in der sogenannten Incommunicado-Haft. Für diese Praxis von Isolationshaft ist Spanien bereits mehrfach von der Uno gerügt worden.

Laut Amnesty International und humanrights.ch ist Txapartegi bei der Verhaftung und in Polizeigewahrsam schwer gefoltert worden. Auf dem Weg ins Kommissariat habe man ihre Hinrichtung vorgetäuscht. Im Verhör verweigerte Txapartegi die Aussage – um das Geständnis zu erzwingen, sie sei eine Mittelsfrau der Eta, hätten die Polizisten die junge Frau verprügelt, mit Stromschlägen traktiert, begrapscht und vergewaltigt. Die Verletzungen sind belegt durch medizinische Berichte aus der Polizeihaft und dem Gefängnis, in das Txapartegi anschliessend transferiert wurde.

Sie sagten, die Erinnerungen seien jetzt wieder hochgekommen. Wie gingen Sie vorher mit diesen Traumata um?
Bis jetzt konnte ich funktionieren, weil ich einen Schutzwall errichtet hatte. Im Baskenland habe ich nach meiner Entlassung mit Folteropfern gearbeitet, das hat mir geholfen. Jetzt kann ich diesen Selbstschutz nicht mehr aufrechterhalten. Ich kann nicht mehr trennen zwischen dem, was passiert ist, und mir selbst. Es ist mir passiert.

Bei Ihrer Verhaftung im April ist dieser Schutzwall eingestürzt?
Als ich in Zürich verhaftet wurde, habe ich auf dem Polizeiposten die Leibesvisitation verweigert. Ich wollte mich nicht ausziehen. Da haben sie mir gedroht, dass meine Tochter in ein Heim kommt. So konnten sie mich erpressen. Die Trennung von meiner Tochter ist mein schwacher Punkt. Das wussten sie genau.

Warum hat Sie gerade dies an die Folter erinnert?
Im Kommisariat hatten sie mir gesagt, sie würden mich so sehr foltern, dass ich nie mehr Kinder kriegen könnte. Lange Zeit hatte ich geglaubt, das sei ihnen gelungen. Sie haben meinen Körper als Kriegsfeld benutzt. Und dann – in Freiheit – bekam ich meine Tochter. Mit meiner Kleinen zu leben, das hiess für mich: Ich habe es geschafft. Ich habe es überwunden. Meine Tochter gab mir sieben Jahre lang Halt und Kraft, um zu kämpfen. Nun bin ich von ihr getrennt. Es ist sehr schwierig, aus diesem Albtraum herauszukommen. Es hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen.


Nach dem erzwungenen Geständnis wurde Txapartegi Ende 1999 auf Kaution freigelassen. Während ihrer Untersuchungshaft war sie als Gemeinderätin mit 45 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden. Acht Jahre später wurde sie in einem Massenprozess zusammen mit 46 anderen wegen «Unterstützung einer terroristischen Vereinigung» verurteilt (siehe WOZ Nr. 23/2016). Dieselben Polizisten, die im Verdacht stehen, sie gefoltert zu haben, wurden von der Staatsanwaltschaft als «Experten» vorgeladen. Txapartegi wurde zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Unmittelbar nach ihrer Freilassung hatte Txapartegi Anzeige gegen die Polizeibeamten erstattet. Die Untersuchung gegen die mutmasslich an der Folter beteiligten Polizisten verlief stockend. Der Untersuchungsrichter soll sich geweigert haben, die beschuldigten Beamten vorzuladen. 2008 wurde das Verfahren eingestellt.

Eine Kommission der baskischen Regionalregierung hat über 4300 Fälle von Folter dokumentiert, die sich zwischen 1960 und 2013 ereignet haben. Bei fast neunzig Prozent der genauer untersuchten Fälle handelte es sich um die Folterung von Personen unter Terrorismusverdacht in Incommunicado-Haft. Wie bei Txapartegi. 2007 tauchte sie unter und floh aus Spanien. Seitdem lag ein internationaler Haftbefehl gegen sie vor. Die letzten Jahre lebte sie mit ihrer Tochter in Zürich.

Wieso sind Sie untergetaucht?
Im damaligen politischen Kontext hatten wir keine Chance. Wir wussten, dass wir verurteilt würden. Deswegen bin ich geflohen. Ich wollte nicht nochmals Folter erleben. Und ich akzeptiere das Urteil nicht – weil es eben unter Folter erzwungen wurde. Wir wurden nicht für unsere Taten verurteilt, sondern für unsere Ideen. Das sind politische Entscheide, keine juristischen.

Sie haben fast neun Jahre im Untergrund gelebt. Wie muss man sich das vorstellen?
Das war nicht einfach. Während dieser Zeit existierte ich nicht wirklich. Es ging ja nicht nur um mich, im Mittelpunkt stand meine Tochter – sie wollte ich schützen. Ich musste somit auch irgendwie sichtbar sein, zum Beispiel an ihrer Schule. Gleichzeitig musste ich meine Identität verstecken. Ich konnte meine politischen Ideen und meine Meinung nicht äussern. Und es war schwierig einzuschätzen, was gefährlich ist oder werden könnte.

Wie meinen Sie das? Was war schwierig einzuschätzen?
Mir war wichtig, dass meine Tochter die Angst nicht übernimmt, sondern so normal wie möglich leben kann. Aber am Quartierleben teilzunehmen oder Freundschaften zu vertiefen, war schwierig. Es war ein Doppelleben, wie ein grösseres Gefängnis. Ich musste eine Balance finden: Meine feministischen Ideen habe ich meiner Tochter weitergegeben, aber politisch aktiv zu sein, wäre zu gefährlich gewesen.

Demnächst werden die Schweizer Behörden entscheiden, ob Sie Asyl erhalten oder ausgeliefert werden. Was erwarten Sie?
Ich denke, letztlich wird sich die Schweiz politisch entscheiden. Für den Schweizer Staat gehen die diplomatischen Beziehungen mit Spanien vor – nicht die Menschenrechte. Ich habe kein Vertrauen in die Behörden und in die Justiz. Es ist ja nicht nur mein Fall, es geht hier um systematische Folter. Aber ich frage mich schon: Wenn Human Rights und Amnesty International bestätigen, dass ich gefoltert wurde – wie kann die Schweiz dann so frech sein, einfach darüber hinwegzusehen?

Sie denken, die Schweizer Behörden glauben Ihnen nicht?
Wir sind wie Marionetten in deren Händen. Nachdem ich der Frau beim Migrationsamt von der Folter erzählt hatte, fragte sie mich: «Was können Sie sonst noch vorweisen?» Sie hat mir nicht geglaubt. Es fehlte ihr völlig an Empathie. Nach der Befragung war ich alleine in meiner Zelle. Ich hatte keinerlei psychologische Betreuung. Wie wird dann erst mit anderen Flüchtlingen umgegangen – zum Beispiel jenen aus Syrien?

Sie scheinen trotz Ihrer Situation viel Kraft zu haben …
Sie haben mich gefoltert, weil ich politisch aktiv war. Gemeinsam zu kämpfen, das gibt mir Halt. Ich werde die Hoffnung nicht verlieren. Ich glaube an internationale Solidarität und an den politischen Druck. Wir können die Augen nicht verschliessen, wenn sie über unser Leben entscheiden.

Sie werden von der Solidaritätsgruppe «Free Nekane» unterstützt, es gibt Kundgebungen vor dem Gefängnis. Ist es nicht seltsam, wenn Ihnen Leute Briefe schreiben, die Sie gar nicht kennen?
Nein, das freut mich. Briefe sind meine Augen und meine Stimme nach draussen. Es muss auch nicht so politisch sein, das ist egal. Politisches Bewusstsein habe ich ja genug. Aber Solidarität, Berichte, wie das Wetter draussen ist und was sonst so passiert – das in meine Zelle zu bringen, das ist schön und tut mir gut. Ich warte jeden Tag auf Briefe. Das ist wirklich schön.


Hinter Nekane Txapartegi wird eine schwere Metalltür aufgeschlossen. «Zeit ist um», sagt die Gefängnisangestellte in Uniform. Der Abschied ist abrupt. Raus aus dem geteilten Besucherraum, Handy und Tasche aus dem Schliessfach. Draussen vor den Toren blendet die Herbstsonne. Wenn dieser Text erscheint, ist Txapartegi bereits ins Zürcher Bezirksgefängnis verlegt worden. In den nächsten Tagen wird der Entscheid über ihre Auslieferung fallen.

Auslieferung an Spanien

Starke Indizien für die Folter

Der Entscheid, ob die in der Schweiz inhaftierte baskische Aktivistin Nekane Txapartegi ausgeliefert wird oder in der Schweiz Asyl erhält, wird demnächst fallen. Während Txapartegi selbst davon ausgeht, dass ihr Asylgesuch abgelehnt und dem spanischen Auslieferungsgesuch stattgegeben wird, gibt sich die UnterstützerInnengruppe «Free Nekane» optimistisch. «Die Indizien, die belegen, dass Nekane Txapartegi im spanischen Gefängnis gefoltert und vergewaltigt wurde, sind so stark, dass die Schweiz gar nicht anders kann, als ihre Auslieferung abzulehnen und ihr hier Asyl zu gewähren», sagt Sprecher Rolf Zopfi.

Das Urteil gegen Nekane Txapartegi wegen «Unterstützung einer terroristischen Organisation» beruht auf den Geständnissen von zwei Personen, die nach eigenen Aussagen gefoltert worden sind. Neben Txapartegi selbst ist das der baskische Aktivist Mikel Egibar, der im gleichen Keller wie Txapartegi misshandelt wurde. Beide haben nach ihrer Freilassung ihre Geständnisse widerrufen.

Jean-Pierre Restellini, Rechtsmediziner und ehemaliger Präsident der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter, bestätigte unlängst gegenüber «Le Temps», dass die von Txapartegi beschriebenen Folterpraktiken und auch Vergewaltigungen während der neunziger Jahre in den Gefängnissen der Guardia Civil Usus waren und dass es kaum Zweifel am Wahrheitsgehalt von Txapartegis Aussagen gebe. Der Generalsekretär der Weltorganisation gegen Folter (OMCT), Gerald Staberock, teilt diese Ansicht; mit einer Auslieferung Txapartegis verstosse die Schweiz gegen die Menschenrechtskonvention.

Doch wenn die Schweiz die Auslieferung verweigert, missachtet sie nicht nur den Rechtshilfevertrag mit Spanien, sondern anerkennt auch, dass in Spanien gefoltert wurde. Inwiefern sich solch ein Entscheid auf die diplomatischen Beziehungen auswirken würde, ist unklar. Bereits früher wurden allerdings Foltervorwürfe gegen Spanien bestätigt. Der Europäische Menschenrechtsgerichtshof in Strassburg hat Spanien zu einer Geldstrafe verurteilt wegen Folterung baskischer Gefangener und der Nichtuntersuchung der Vorwürfe durch die Justiz. Und Belgien hat dieses Jahr erneut die Auslieferung einer baskischen Aktivistin und angeblichen Eta-Unterstützerin verweigert, weil deren Rechte in Spanien nicht gewahrt seien.

Auch über die weiteren Konsequenzen eines für Txapartegi positiven Entscheids lässt sich nur spekulieren. Denn vieles an Txapartegis Fall ist viel zu spezifisch, als dass sich daraus eine gängige Rechtspraxis entwickeln könnte. «Es ist unwahrscheinlich, dass nach einem positiven Entscheid Dutzende von geflüchteten Basken in die Schweiz kommen würden», so Rolf Zopfi vom Komitee «Free Nekane». «Die Flüchtigen würden sich durch ihr Auftauchen selbst massiv gefährden, indem sie ihr Schicksal in die Hände der Schweizer Asylbehörden legen.»

In Spanien drohen Nekane Txapartegi fast sieben Jahre Gefängnis. «Und es besteht die Gefahr von weiteren Menschenrechtsverletzungen», so Rolf Zopfi. «Im Fall eines negativen Entscheids sind wir bereit, durch die Instanzen zu gehen und nötigenfalls auch vor internationale Gremien zu gelangen.»

Noëmi Landolt

Nachtrag vom 2. Februar 2017

Gutachten bestätigen: Txapartegi wurde gefoltert

Die baskische Aktivistin Nekane Txapartegi sitzt inzwischen seit über zehn Monaten in Auslieferungshaft. Bevor die Zürcher Polizei sie im April in Zürich verhaftete, war Txapartegi jahrelang auf der Flucht – in Spanien drohen ihr fast sieben Jahre Haft. Wegen «Unterstützung der terroristischen Vereinigung Eta» behaupten die spanischen Behörden – wegen eines unter Folter erzwungenen Geständnisses, sagt hingegen Txapartegi.

Damit ist sie nicht alleine: Die Weltorganisation gegen Folter (OMCT) und die Menschenrechtsorganisation humanrights.ch stützen Txapartegis Aussage. Während der neunziger Jahre seien die von der heute 44-Jährigen geschilderten Folterpraktiken und Vergewaltigungen in den Gefängnissen der Guardia Civil üblich gewesen. Spanien hat die Vorwürfe nie anerkannt. Nun bestätigen zwei unabhängige Gutachten, die der WOZ vorliegen, ebenfalls: Die damals 26-jährige baskische Politikerin wurde während ihrer Haft 1999 in Spanien gefoltert. Bis heute leidet sie an chronischen körperlichen Schmerzen und psychischen Traumata.

Die Gutachten sind von zwei renommierten Spezialisten, dem Psychiater Thomas Wenzel und dem Rechtsmediziner Önder Özkalipci, angefertigt worden, die massgeblich an der Entwicklung des Istanbul-Protokolls beteiligt waren. Dieses Protokoll definiert den Uno-Standard, wie Folter wirksam untersucht und dokumentiert werden soll. Wenn die Schweiz Txapartegi auslieferte, würde sie also gegen die Menschenrechtskonvention verstossen. Nichtsdestotrotz scheint sich das Bundesamt für Justiz mit dem Fall schwerzutun. Man könne noch keine Angaben machen, wann der Entscheid gefällt werde, heisst es seitens der Pressestelle. Vielleicht aber bevor sich Txapartegis Verhaftung jähre.

Die Schweizer Behörden befinden sich in einer diplomatischen Zwickmühle: Verweigern sie Nekane Txapartegis Auslieferung, missachten sie den Rechtshilfevertrag mit Spanien und erkennen zudem an, dass in einem EU-Land gefoltert wurde.

Doch anstatt eine schwer traumatisierte politische Aktivistin monatelang weiterhin zu inhaftieren, könnte sich die Schweiz ein Beispiel an Belgien nehmen – das EU-Land hat 2016 die Auslieferung einer baskischen Aktivistin und angeblichen Eta-Unterstützerin an Spanien verweigert.

Merièm Strupler

Nachtrag vom 7. Dezember 2017

Späte Rüge im Fall Txapartegi

Die baskische Aktivistin Nekane Txapartegi hat in letzter Instanz doch noch recht bekommen: Ja, ihre Foltervorwürfe seien plausibel. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) habe ihre Berichte zum Asylantrag zu wenig gewürdigt und damit seine Begründungspflicht verletzt. Das entschied das Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen am Montag vor einer Woche.

Txapartegi sass von April 2016 bis September 2017 in Zürich im Gefängnis. Der spanische Staat hatte die Auslieferung der 44-Jährigen verlangt. In Spanien drohte ihr eine mehrjährige Haftstrafe. Wegen «Unterstützung der terroristischen Vereinigung Eta», behaupteten die spanischen Behörden. Wegen eines 1999 unter Folter erzwungenen Geständnisses, sagte hingegen Txapartegi. Dies hatten Gutachten von international renommierten Spezialisten bestätigt. Auch der Uno-Sonderberichterstatter über Folter, die Weltorganisation gegen Folter (OMCT) und Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International stützten ihre Aussage.

Die Schweizer Behörden schienen sich derweil in ihren Entscheiden an Zynismus und Ignoranz überbieten zu wollen. Das Bundesstrafgericht etwa bewilligte in zweiter Instanz das Auslieferungsgesuch, indem es auf die «demokratische Tradition» des bis 1975 diktatorisch regierten Spanien verwies. Das SEM wies das Asylgesuch ab, indem es zwar die spanischen Polizeiakten über mehrere Seiten abhandelte, die Foltergutachten hingegen nur in einem knappen Abschnitt auflistete und Txapartegis Aussagen kurzum als «unvorstellbar» abtat.

Deswegen wurde das SEM nun vom Bundesverwaltungsgericht gerügt. Abgelehnt wurde der Asylrekurs aber trotzdem, da ein spanisches Gericht die Haftstrafe bereits im September für verjährt erklärt und den Auslieferungsantrag zurückgezogen hatte. Txapartegi war daraufhin aus dem Zürcher Bezirksgefängnis entlassen worden. Laut ihrer Anwältin wird sie nun wohl in der Schweiz eine normale Aufenthaltsbewilligung als EU-Bürgerin beantragen.

Merièm Strupler

Nachtrag vom 29. März 2018

Aufatmen, weiterkämpfen

Neun Jahre im Untergrund, dann siebzehn Monate im Gefängnis in Zürich – nun kann Nekane Txapartegi erstmals wieder aufatmen: Mitte März hat die baskische Aktivistin für sich und ihre Tochter endlich die Schweizer Aufenthaltsbewilligung B erhalten. «Ich musste mich ein halbes Jahr durch die Ämter kämpfen», schreibt Txapartegi in einem Communiqué. «Das repressive Vorgehen gegen mich ist auch ausserhalb der Gefängnismauern weitergegangen.»

Txapartegi war 2007 aus dem Baskenland geflohen und untergetaucht. Im April 2016 wurde die heute 45-Jährige in Zürich festgenommen. Der spanische Staat verlangte ihre Auslieferung. Ihr drohte dort eine mehrjährige Haftstrafe wegen «Unterstützung der terroristischen Vereinigung Eta». Txapartegi wehrte sich: Das Urteil beruhe auf einem 1999 unter Folter erzwungenen Geständnis. Dies haben Gutachten von international renommierten Spezialisten bestätigt. Auch der Uno-Sonderberichterstatter über Folter, die Weltorganisation gegen Folter und Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International stützen Txapartegis Aussage.

Die Schweizer Behörden wagten es hingegen nicht, einem EU-Land Folter vorzuwerfen. Sie schoben stattdessen nahezu zynisch formulierte Entscheide vor: So bewilligte etwa das Bundesstrafgericht in zweiter Instanz das Auslieferungsgesuch, indem es auf die «demokratische Tradition» des bis 1975 diktatorisch regierten Spanien verwies. Das Staatssekretariat für Migration war im Nachgang vom Bundesverwaltungsgericht gerügt worden, weil es Txapartegis Foltervorwürfe im Asylantrag praktisch durchweg ignoriert hatte.

Im September letzten Jahres erklärte das höchste spanische Gericht Txapartegis Strafe für verjährt. Die baskische Aktivistin wurde aus der Auslieferungshaft in Zürich entlassen. Auch mit Aufenthaltsbewilligung geht der Kampf für sie nun weiter: Nekane Txapartegi will für ihre Haft in der Schweiz eine finanzielle Entschädigung einfordern und weiterhin für die Anerkennung ihrer Foltervorwürfe kämpfen. Und: Sie wird am diesjährigen 1. Mai in Zürich eine Hauptrednerin an der Schlusskundgebung sein.

Merièm Strupler

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