Nr. 46/2016 vom 17.11.2016

Auf der guten Seite an der Grenze zum Kitsch

Carolin Emcke entwirft in «Gegen den Hass» eine Utopie des universalen Mitgefühls. Dass das manche richtig wütend macht, liegt auch an Emckes mitunter eitlem Ton.

Von Andrea Roedig

Moralische Intentionen sind noch keine Politik: Carolin Emcke, hier bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 23. Oktober. Foto: Daniel Roland, Getty

In den deutschen Feuilletons sind Carolin Emckes Buch wie auch ihre Dankesrede für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, den sie vor kurzem erhielt, kritisch und bisweilen hämisch kommentiert worden. Zu staatstragend sei ihr Ton, zu pathetisch und von mittelstandsbraver Naivität ihre Aussagen. Alexander García Düttmann attestierte Emcke in der FAZ, sie führe einen zweideutigen, «unangreifbaren Diskurs», der genau die Gewalt provoziere, «von der er so entschieden Abstand nimmt». Offenbar geht die preisgekrönte Publizistin manchen auf die Nerven. Warum?

«Gegen den Hass» ist eine Art meditativer Essay, in dem sich Emcke gewalttätige Situationen der Demütigung und Degradierung genau anschaut, um analysieren zu können, wie Hass funktioniert. Als Grundlage für die zwei zentralen Analysen des Buchs nutzt die Autorin Videomaterial aus dem Internet. Zunächst beschreibt sie Aufnahmen der Ausschreitungen im deutschen Clausnitz, als im Februar dieses Jahres rechte Protestierende einen Bus mit Flüchtlingen gewaltsam blockierten und die Menschen am Aussteigen hinderten. Der zweite Fall betrifft den von einem Passanten gefilmten Polizeieinsatz gegen den Afroamerikaner Eric Garner, der im Juni 2014 in New York ohne ersichtlichen Anlass kontrolliert, festgenommen und trotz seiner Worte «I can’t breathe» so brutal überwältigt wurde, dass er an den Folgen des polizeilichen Würgegriffs starb.

Die Maske des Monströsen

Gewalt ist nicht einfach da. Sie ist gemacht und verfestigt sich zu Strukturen gesellschaftlicher und politischer Wahrnehmung – das will Emcke bei der nacherzählenden Beschreibung dieser Videos zeigen. Der grundsätzliche Mechanismus des Hasses bestehe dabei in einer «Engführung der Wirklichkeit» aufs Klischee, was die Projektion von Ängsten oder anderen Gefühlen begünstige. Hass sei blind, er vertausche das Objekt mit der Ursache des Gefühls.

Im Kern dreht sich bei Emcke alles ums Partikuläre, Individuelle. Hass aber will das Gegenteil. Er sei nicht nur Fehlwahrnehmung, sondern auch Missachtung der Person, schreibt sie: Er macht im «Raster des Ressentiments» die Einzelnen zugleich «als Menschen unsichtbar und als etwas Monströses sichtbar». Ähnliches geschehe in den Begründungsformeln für Ausgrenzung wie etwa «Homogenität», «Reinheit» oder «Natürlichkeit», deren Wirken Emcke im zweiten Teil ihres Essays beschreibt, wobei sie ein langes Kapitel auch der Situation von Transgenderpersonen widmet. Keines der genannten Codewörter für Ausgrenzung sei anders als tautologisch begründbar. Warum sollte eine homogene Gemeinschaft besser sein als eine heterogene, warum Reinheit besser als Unreinheit? Emcke schliesst – wenig überraschend – mit einem «Lob des Unreinen». Eine Strategie des Widerstands gegen den Hass sieht sie darin, radikal pluralistisch die Differenz zu feiern.

Nun ist keiner dieser Punkte inhaltlich neu oder überraschend. Was Emckes Analyse ausmacht, sind nicht die Thesen, sondern der Ton, der Groove sozusagen, in den sie sich einschwingt, als umtanze sie ihren Gegenstand. In die Beschreibung hinein stellt sie Zwischenfragen: Warum drängt die Polizei die skandierenden Rassisten nicht zurück? Warum sehen die Umstehenden tatenlos zu? Warum ruft niemand einen Arzt?

Emcke interveniert und versucht so eine Umdeutung dessen, was sie beschreibt. Sie nutzt dafür eine schöne Sprache, die hart an der Grenze zum Kitsch liegt, die rühren will, um so eine Zartheit, eine Zärtlichkeit fürs Einzelne auszudrücken und herzustellen. Besonders gut gelingt das bei der Garner-Szene, aber auch in Passagen, in denen Emcke von der Melancholie als Folge permanenter Demütigung berichtet oder von der Scham der Minderheiten, für sich selbst zu sprechen. Es gibt ja den Wunsch, nicht alles selbst erkämpfen zu müssen, sondern dass jemand anderer sich starkmacht. Emcke tut das. Sie ergreift das Wort, als wolle sie buddhistisches Mitgefühl und christliche Nächstenliebe in das säkular staatsbürgerliche Prinzip einer «Rechtsgemeinschaft aus Freien und Gleichen» überführen.

Die Utopie zu denken wagen

Ist das nervig? Ja, das ist nervig. Zum einen, weil etwas an dem mitunter eitlen Ton nicht stimmt, der sich durch alle Schriften Emckes zieht und ihr untergründig immer den moralischen Benefit des Leidbezeugens beschert. Sie ist auf der guten Seite. Die wirkliche Kritik an ihrem Buch wäre aber, dass sie die Hassenden nicht versteht. An zwei Stellen versucht sie, sich in sie einzufühlen, aber ihr Vorhaben bleibt dabei eigentümlich unterbelichtet.

Als ärgerlich mögen manche zum andern auch empfinden, dass Emcke moralische Intentionen als Politik verkauft. Man hört schon die Pragmatikerinnen und Strategen mit den Säbeln rasseln. Sind wir nicht in einem neuen Krieg? Unterschätzt die wohlstandsverwöhnte Intellektuelle nicht die rohe Macht des Fanatismus und der ungebildeten Unterschichten? Das mag sein. Doch spricht dieser Einwand nicht gegen Emcke – im Gegenteil. Sie wagt es, eine Utopie zu denken. Sie macht vorstellbar, wie es wäre, in einer Welt zu leben, in der alle unterschiedlich sein dürfen und doch zugehörig. Das wäre das Paradies. Wenn niemand diese Geschichte erzählt, kann sie auch nicht wahr werden.

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