Nr. 46/2016 vom 17.11.2016

Ein Leben für die Reitschule

Von Andreas Berger

Es scheint erst gestern gewesen zu sein, als er mir im Berner Reitschulkino nach der Vorführung seines Wunschfilms «Being There» einen Drink spendierte und mit leuchtenden Augen und seligem Lächeln empfahl, unbedingt den Film «Hell or High Water» schauen zu gehen. Und nun kann ich ihm nicht einmal mehr Danke sagen für diesen Tipp. Denn in der letzten Woche ist Sandro Wiedmer im Alter von 54 Jahren gestorben.

Mit ihm verliert das Berner Kulturzentrum Reitschule einen seiner leidenschaftlichsten Veranstalter. Von 1988 an organisierte er für Kino und Dachstock unzählige Filmvorstellungen und Konzerte. Viele schräge Filme, die er zum Teil als Stammgast am Fantasyfilmfestival Neuenburg entdeckte, brachte er nach Bern, und er nahm es stoisch hin, dass manchmal nur zwei oder drei Leute im Saal sassen.

Und mit nicht weniger Herzblut als Bädu Anliker setzte Sandro sich im Dachstock für unbekannte und experimentelle Bands ein; im Gegensatz zum glamourösen Thuner «Master of Ceremony» agierte er diskret, bescheiden und fast unscheinbar im Hintergrund. Uneigennütziges Engagement machte einen Grossteil seiner Aktivitäten aus: Er wurde weder für seine Arbeit im Reitschulkino noch für seine Filmkritiken im Magazin «ensuite» noch für seine Geschichtenserie «Story of Hell» in der Hauszeitschrift «Megafon» und erst recht nicht für die Teilnahme an all den Sitzungen von Kino-, Dachstock-, Betriebs- und Koordinationsgruppe bezahlt. Keine Ahnung, wie und wann Sandro überhaupt noch Zeit fand, um Geld für Wohnungsmiete und Krankenkasse aufzutreiben.

«Ich halte es mit Johnny Rotten: ‹Anger is energy›», antwortete er mir im Sommer 2007 auf die Frage, woher er die Energie beziehe für all seine Arbeiten. Dass er Raubbau an seinem Körper betrieb, wenn er drei, vier Tage hintereinander ohne Schlaf verbrachte und zwischen Sitzungen und Filmvorführungen noch Leergut entsorgte oder Programmtexte schrieb: Viele in der Reitschule sahen es – und konnten ihn doch nicht bremsen. Noch in der letzten Woche, als er wieder einmal eine Vier-Tage-Arbeit-ohne-Schlaf-Phase beendete, bot ihm jemand an, ihn ins Spital zu fahren. Sandro lehnte das ab, ging nach Hause, legte sich ins Bett und schlief ein. Für immer. Traurig.

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