Nr. 01/2016 vom 07.01.2016

Sozialarbeit mit würzigem Harzduft

Ohne die Schlossdame Leta Ommerli und den Burgwart Beat Stähli blieben im Berner Kulturzentrum Reitschule die Türen zu und die Räume kalt – und auch als Grosseltern würden die beiden fehlen.

Von Cathrin Caprez (Text) und Florian Bachmann (Foto)

«Wir sind hier zu konstanten Bezugspersonen geworden»: Leta Ommerli und Beat Stähli in der Holzwerkstatt der Berner Reitschule.

Die bunt besprayte Reitschule beim Hauptbahnhof Bern sorgt vor allem im Zusammenhang mit Konzerten und Polizeieinsätzen für Schlagzeilen. Dabei geht leicht vergessen, dass im verwinkelten Kulturzentrum auch gehämmert, gesägt, gedruckt und geschweisst wird. So zum Beispiel in der Holzwerkstatt von Leta Ommerli und Beat Stähli. Ommerli, eine schlanke Frau mit kurzen, grauen Haaren und leuchtend blauen Augen, ist Schreinerin und gleichzeitig Schlossdame der Reitschule. Sie verwaltet die Schlüssel für das ganze Areal, wechselt und programmiert die Schlösser und repariert die Türen. Stähli ist Zimmermann und Burgwart der Reitschule. Der schmale Mann mit gutmütigem Gesicht und breitem Berner Oberländer Dialekt kümmert sich um Lüftung und Heizung, montiert zusammen mit dem Elektriker die Lampen und hilft dem Vorplatzwart.

Die Werkstatt der beiden will so gar nicht zum wilden Äusseren der Reitschule passen: Überall stapelt sich Holz, das einen würzigen Harzduft verbreitet. Auf den Werkbänken liegen Hammer, Stechbeutel und verschiedene Zangen ordentlich nebeneinander. Ommerli und Stähli reparieren für die Reitschule die beschädigten Dächer, glasen Fenster neu ein oder organisieren wenn nötig zusätzliche HandwerkerInnen. Daneben nehmen sie als Baugenossenschaft Bakikur auch externe Aufträge an. So wartet mitten im Raum eine dünne Holzplatte darauf, von Ommerli zu einer meterhohen Plakattafel in Form eines Lastwagens zugeschnitten zu werden: Material für die Abstimmungskampagne gegen eine zweite Gotthardröhre. Ein Flyer an der Wand zeigt einige weitere Projekte: eine Einbauküche, ein eingerüsteter Dachstock, ein Theatermischpult.

Grosseltern im Durchlauferhitzer

Beide um die sechzig, bezeichnen sich Ommerli und Stähli scherzhaft als die «Grosseltern» der Reitschule. Wohlgelittene Grosseltern, notabene. Stähli erzählt, wie er vor kurzem einen Jungen angefahren habe, der auf einer Marmorstufe ein Plakat sprayte. «Ob er denn keine Unterlage nehmen könne, wollte ich von ihm wissen. Da schaute er mich schon gross an.» Aber ab und zu einen gut gemeinten «Zusammenschiss» könnten sie sich den Jungen gegenüber leisten. Denn gleichzeitig sind Ommerli und Stähli jederzeit für die ReitschülerInnen da und «halten ihnen den Rücken frei», wie es Stähli umschreibt. «Wir sind immer hier. Das gehört zur Funktion, die wir mittlerweile in der Reitschule erfüllen.» Ommerli fügt hinzu: «Die Reitschule ist ein wahrer Durchlauferhitzer, die Leute wechseln so schnell. Da drin sind wir zu konstanten Bezugspersonen geworden.» Entsprechend auch das Kommen und Gehen in der Werkstatt: Ein junger Mann taucht auf und möchte sich eine Zange ausleihen, zwei junge Frauen fragen nach ihren KollegInnen aus der Kochgruppe, ein schlaksiger Junge schaut vorbei, um sich bei Stähli zu bedanken und zu verabschieden.

«Vielleicht auch ein Treibhaus»

«Kaum eine Frau über fünfzig arbeitet noch als Schreinerin», sagt Ommerli. Sie und Stähli seien ausserdem fast ständig im Bereitschaftsdienst, sollte mal die Heizung ausfallen oder ein Schloss nicht funktionieren. Urlaub hätten sie dadurch kaum. Was die beiden dennoch motiviert, sind die vielen Begegnungen im «Auffangbecken» Reitschule: der Punk mit abgebrochener Lehre, der nach dem grossen Reitschulumbau wieder eine Stelle fand und heute als Polier arbeitet; Jugendliche, die probehalber beim Metallbau oder in der Holzwerkstatt reinschnupperten und mittlerweile eigene Betriebe führen; die Ton- und LichttechnikerInnen aus dem Konzertlokal Dachstock, die heute rund um die Welt tätig sind. «Die Reitschule ist für mich vor allem eines: eine Schule», fasst Ommerli zusammen. «Und wenn man die jungen Leute hier aufblühen sieht, vielleicht auch ein Treibhaus.» Und Stähli fügt bei: «Was wir hier machen, ist auch viel Sozialarbeit. Keine Ahnung, was mit manchen Jungen passieren würde, wenn sie nicht hierherkommen könnten.»

Im März nächsten Jahres endet die Sammelfrist für eine Initiative der Jungen SVP, die die Zukunft der Reitschule einmal mehr infrage stellt. «Rechtlich steht die Initiative angeblich auf wackligen Beinen», sagt Stähli. So macht weder er noch Ommerli sich Sorgen über die Zukunft der Reitschule. «Fünfmal haben sich die Stadtberner schon für den Erhalt der Reitschule ausgesprochen», sagt Ommerli. «Und vielleicht gibt es die Reitschule auch immer noch, weil sie hilft, an anderen Orten zu sparen.»

Sie bläst sich mit Druckluft den Staub von der dunklen Jeans, Stähli löscht das Licht in der Werkstatt und zündet sich beim Rausgehen eine Zigarette an. Abends bleiben die beiden selten in der Reitschule. Ommerli wird es dann zu laut, Stähli will gar nicht alles mitbekommen, was die Jungen so machen. Grad so, wie Grosseltern eben sind.

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