Nr. 48/2016 vom 01.12.2016

Zwei Jahre unter Beschuss

Entlang der ostukrainischen Front ist von dem in Minsk ausgehandelten Waffenstillstand kaum etwas zu merken. Es herrscht Krieg – und die Menschen, die geblieben sind, leiden.

Von André Widmer, Mariinka (Text und Foto)

Am 3. November zählte die Beobachtungsmission der OSZE über 400 Explosionen allein im Raum ­Donezk: Strassenszene in Mariinka.

Waffenruhe? Nicht hier in Mariinka. Auch an diesem Nachmittag ist wieder Gefechtslärm zu hören. Unweit des Wohnblocks von Ludmilla Butskaja in einem Aussenquartier des Städtchens verläuft die Front zwischen der ukrainischen Armee und den prorussischen Einheiten. Vor einigen Tagen schlug im Block ein Geschoss ein. Butskaja setzt sich in den Hinterhof, eine Freundin kommt hinzu, Enkel Denis ist auf Kurzbesuch. «Der Krieg ist schlecht», sagt sie lapidar. Von den 25 Wohnungen im Gebäude seien noch vier bewohnt.

Vielleicht ein Fünftel der einst etwa 10 000 EinwohnerInnen Mariinkas ist geblieben. Viele Geschäfte im Zentrum sind geschlossen. Das Polizeigebäude ist stark beschädigt, Fenster und Türen sind mit Brettern verriegelt. In ihrem Wohngebäude gebe es kein Gas mehr, sagt Butskaja. Die Elektrizität zur Beheizung koste sie monatlich 2000 Griwna – umgerechnet ungefähr 75 Franken – und damit 500 Griwna mehr, als ihre Pension beträgt. Nur dank der finanziellen Unterstützung ihrer Tochter kommt sie über die Runden.

Überleben in der «grauen Zone»

«Was für ein Waffenstillstand soll das denn sein, bei dem man mit den einen Waffen nicht mehr schiessen darf, mit den anderen aber doch? Wenn man getötet wird, kommt es nicht auf die Grösse des Kalibers an», sagt Butskajas Enkel Denis. Das Minsk-II-Abkommen vom Februar 2015 verbietet eigentlich fünfzig Kilometer oder näher an der Front Artillerie mit Kalibern von hundert Millimetern oder mehr. Trotzdem ist es seither unzählige Male zu Beschüssen dieser Art gekommen.

Rund 500 Kilometer lang ist die Frontlinie zwischen der ukrainischen Armee und den SeparatistInnen. Entlang dieser Linie liegt die «graue Zone»: Hier befinden sich mehrere Dutzend Dörfer und Städte wie Mariinka. In den grösseren Orten regieren Militärkommandanten als Bürgermeister.

In Gemeinden wie Opytne oder Pesky ist kaum ein Haus unbeschädigt geblieben. Fast alle EinwohnerInnen sind geflohen. Geblieben sind vor allem ältere Menschen. Vielerorts funktioniert das Gas nicht, manchmal gibt es nicht einmal fliessendes Wasser. Viele haben ihre Arbeit verloren, die Industrie ist fast vollständig zum Erliegen gekommen. Hilfsorganisationen verteilen Lebensmittelmarken.

Auch die medizinische Grundversorgung ist zusammengebrochen, weil das ärztliche Personal ebenfalls geflüchtet ist. Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen (MSF) springen in die Bresche. Während das Internationale Rote Kreuz (IKRK) sowohl auf dem Gebiet der SeparatistInnen als auch auf dem von der Regierung kontrollierten Territorium arbeiten darf, wurden MSF und andere Organisationen aus den prorussischen «Volksrepubliken» Donezk und Luhansk verbannt.

In der Ukraine herrscht nach wie vor ein Krieg – auch wenn es keine grossen Schlachten mehr gibt wie noch vor zwei Jahren. Trotzdem werden fast täglich Verletzte oder Tote gemeldet. Bislang starben in den zweieinhalb Jahren Krieg fast 10 000 Menschen. Der Krieg im Donbass ist zermürbend: Es handelt sich in erster Linie um Gefechte aus festgefahrenen Stellungen. Am 3. November zählte die Beobachtungsmission der OSZE über 400 Explosionen allein im Raum Donezk.

Null Grad in der Küche

Vor einem Gebäude im Dorf Netaylove unmittelbar an der grauen Zone steht ein MSF-Fahrzeug. Alle zwei Wochen unterhält die Organisation hier eine mobile Klinik. Das Team besteht aus einem Arzt, einer Krankenschwester und einer Psychologin. Rund sechzig Prozent der PatientInnen sind Menschen, die aus ihren Dörfern geflohen sind und in Netaylove Zuflucht gefunden haben. Die meisten kommen wegen chronischer Krankheiten wie Diabetes und erhöhten Blutdrucks. Es gibt aber auch andere Leiden.

Im Wartezimmer informiert die Psychologin Viktoria Brus die PatientInnen. «Die Leute schlafen wenig, haben Angst. Auch für die Kinder ist es schwierig, weil sie die Schule wechseln müssen», sagt sie. Psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, das ist für ältere Menschen, die im Sowjetsystem aufgewachsen sind, nicht einfach: Viele beargwöhnten damals PsychologInnen als Teil des Systems.

Die seelischen Leiden in der Bevölkerung nähmen stetig zu, sagt der Schweizer Alain Aeschlimann, Leiter der IKRK-Mission in Kiew: «Die Menschen, die schon lange nahe der Front wohnen, geraten an die Grenze ihrer Widerstandsfähigkeit, auch bei Frauen nimmt der Alkoholismus zu.» Dazu komme, dass eine politische Lösung des Konflikts nicht in Sicht sei.

Immer wieder erwähnen die Menschen in der grauen Zone die Rinat-Achmetow-Stiftung. Seit 2014 unterhält die Stiftung eine Hilfsorganisation. Rinat Achmetow ist ein reicher Geschäftsmann, geboren in Donezk. Die Organisation ist auf beiden Seiten der Front tätig. Die Bevölkerung wird mit Lebensmitteln, aber auch mit Medikamenten und Holzkohle unterstützt. Letzteres ist besonders wichtig, denn die Temperaturen sinken. Eine Frau in Krasnohoriwka, einer Kleinstadt einige Kilometer von Netaylove und Mariinka entfernt, erzählt, dass die Temperatur in ihrer Küche im vergangenen Jahr um den Nullpunkt lag. «Der Kommandant hier unternimmt nichts. Es ist Winter, und wir wissen nicht, was tun.»

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