Nr. 49/2016 vom 08.12.2016

Filme gegen die «schäbigsten Emotionen»

Mit «I, Daniel Blake» hat der britische Regisseur Ken Loach zum zweiten Mal die Goldene Palme in Cannes gewonnen. Bei einem Besuch in seinem Büro in London ist er gerade wütend über Vorgänge in der Labour-Partei.

Von Peter Stäuber, London

«Das ist absolut schockierend», sagt Ken Loach, als er den Hörer auflegt und aus dem Nebenzimmer seines Londoner Büros tritt. Er weist den Weg die Treppe hinauf, in ein karges kleines Dachzimmer, wo in einer Ecke ein Stapel Filmrollen steht, darüber an der Wand ein gerahmtes Poster seines Klassikers «Kes» (1969). Er hatte, so erzählt er, den Drehbuchautor Paul Laverty am Telefon, mit dem er sich fast jeden Tag unterhält, «über die Probleme unserer Fussballklubs, aber auch über Politik». Eben tauschten sie sich über die verzweifelten Manöver der parteiinternen Gegner von Labour-Chef Jeremy Corbyn aus. «Es ist so offensichtlich undemokratisch!»

Die meisten seiner jüngeren Filme hätten ihren Ursprung in Gesprächen zwischen ihm und Laverty, sagt der Achtzigjährige. Auch sein neustes Werk, «I, Daniel Blake», entstand aus einer längeren Konversation mit dem Drehbuchautor – über die Unmenschlichkeit des britischen Sozialstaats: «Vor einigen Jahren hörten Paul und ich Geschichten über Sozialhilfebezüger, die mit Sanktionen abgestraft wurden, denen also die Unterstützung verweigert wurde», sagt Loach. «Eine Horrorgeschichte folgte auf die nächste: Behinderte, denen das Geld gekappt wurde, kranke Leute, die zur Arbeit gezwungen wurden, eine dramatische Zunahme an Suppenküchen. Darüber wollten wir einen Film machen.»

«I, Daniel Blake», in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, erzählt die Geschichte eines Schreiners (gespielt vom nordenglischen Komiker Dave Johns), der nach einem Herzinfarkt mit zunehmender Verzweiflung versucht, sich durch das bizarre britische Sozialsystem zu manövrieren. Wie alle Filme von Laverty und Loach hat das Drama eine starke dokumentarische Komponente und ist akribisch recherchiert – gemeinsam reisten die beiden quer durchs Land, sprachen mit SozialhilfebezügerInnen, besuchten Suppenküchen und interviewten SozialarbeiterInnen. Der Film bringt eine stille Wut über die Brutalität des Sozialabbaus zum Ausdruck, und die Erbarmungslosigkeit der Bürokratie wird einzig durch die für Loach so typische Solidarität und zwischenmenschliche Wärme der ProtagonistInnen gelindert.

Loach und Laverty ging es unter anderem darum, das Stereotyp zu untergraben, wonach nur Menschen am unteren Ende der gesellschaftlichen Leiter Probleme mit dem Sozialsystem haben können: «Wir wollten zeigen, dass das Desaster, dass jemand sein Einkommen verliert und in die Armut gestürzt wird, jedem passieren kann», sagt Loach. «Wir wollten einen Protagonisten, der gut ausgebildet ist und nicht unter sozialer Isolation leidet. Sein Abstieg ist deshalb umso krasser.»

Das widerspiegle auch die politische Entwicklung der vergangenen Jahre: «Verschiedene Regierungen haben die Arbeiterklasse immer verwundbarer gemacht – durch Gewerkschaftsgesetze, durch die Schliessung von Industriebetrieben, durch das restriktive Sozialsystem. Sie sehen es als selbstverständlich an, dass sie die Leute immer stärker drangsalieren können, weil diese keinen Widerstand leisten.»

Individualismus versus Solidarität

Was die Beschneidung des Sozialstaats angeht, kann die konservative Regierung aber auch auf verbreitete Vorurteile in der Bevölkerung zählen. Individualismus und Konkurrenzdenken, die seit der Zeit Margaret Thatchers in der britischen Gesellschaft eine prägende Rolle spielen, hemmen die Solidarität und fördern die schäbigsten Emotionen: Laut Umfragen findet es eine Mehrheit der BritInnen richtig, dass Sozialleistungen beschränkt werden. Loach sieht seine Arbeit auch als Mittel, solche Haltungen zu ändern: «Filme können dem Publikum eine neue Perspektive geben, die Menschen zum Nachdenken anregen. Aber es kommt immer darauf an, was sie tun, wenn sie das Kino verlassen – die Frage ist, wie lange diese Empfindungen anhalten.» Die öffentliche Debatte tendiere zur Aufrechterhaltung des Status quo: «Wir sind nur ein kleiner Ast am Strand, der von der Flut hin- und hergetrieben wird.»

Für den Stellenwert seiner Filme im eigenen Land gilt dies allemal: Loachs Werk geniesst in Kontinentaleuropa einen weit besseren Ruf als in seiner Heimat. Der letzte seiner Filme, der mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, «The Wind that Shakes the Barley» (2006) über den irischen Befreiungskrieg von 1920/21, provozierte den Zorn der konservativen Presse, die das Werk als antibritische Propaganda geisselte. «Ein Kolumnist des ‹Daily Telegraph› verglich mich sogar mit der Nazipropagandistin Leni Riefenstahl!», lacht Loach. Auch «I, Daniel Blake» wurde in Britannien weit weniger enthusiastisch aufgenommen als in Kontinentaleuropa, zumindest in der Presse. Das Publikum scheint seine Filme umso mehr zu schätzen: «I, Daniel Blake» verzeichnete in Britannien den besten Kinostart in Loachs Karriere.

Alle Hoffnung ruht auf Corbyn

Gerade die britische Arbeiterpartei steht jedoch nicht immer auf seiner Seite. Als er vor einigen Jahren vor einem Parlamentsausschuss über das soziale Kino befragt wurde, wollte ein Labour-Abgeordneter von ihm wissen, weshalb die Bürger seines Wahlkreises für Loachs Künstlerfilme bezahlen sollten – wenn sie ins Kino gingen, dann wollten sie James Bond sehen, meinte er. «Ich verwies auf die Tatsache, dass die Künste für die Arbeiterklasse in der Geschichte der Labour-Partei stets eine bedeutende Rolle spielten – von den Bibliotheken für die Bergarbeiter bis zu den Arbeiterchören – und dass der Respekt für Kultur tief in der Tradition der Arbeiterbewegung verankert ist.»

Loach trat Mitte der neunziger Jahre aus der Labour-Partei aus – nach der Neuausrichtung unter Tony Blair und der Abkehr von sozialistischen Grundsätzen fühlte er sich dort nicht mehr zu Hause. Die Wiederwahl von Jeremy Corbyn im September 2016 ist für ihn ein einzigartiger Moment in der Geschichte der Partei: «Früher wurde Labour stets von Sozialdemokraten angeführt, auch auf ihrem Höhepunkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach 1945 wurde der Sozialstaat mit dem Zweck gegründet, eine starke Erwerbsbevölkerung bereitzustellen: Man benötigte eine Arbeiterschaft, damit sich der Kapitalismus erneuern konnte.»

Jeremy Corbyn repräsentiert einen Bruch mit dieser sozialdemokratischen Tradition. «Er ist der Erste, der sich für die Interessen der Arbeiterklasse einsetzt, wenn sie im Konflikt mit den Interessen des Kapitals steht», sagt Loach. «Er steht Seite an Seite mit streikenden Arbeiterinnen und Arbeitern, er hat die Assistenzärzte in ihrem Konflikt mit dem Gesundheitsminister unterstützt – was kein Labour-Chef zuvor getan hat. Es ist ein total historischer Moment.» Dass er von einer klaren Mehrheit der Parteimitglieder überhaupt gewählt worden sei, liege unter anderem an genau jener Arroganz, mit der führende PolitikerInnen den Sozialstaat demolieren und sich dabei auf die Passivität der Betroffenen verlassen würden. «Sie dachten: Wer stimmt schon für Corbyn? Bislang hat niemand Widerstand geleistet. Aber in der Bevölkerung schlummert diese angestaute Wut.»

Sollte es Corbyn schaffen, eine starke Bewegung aufzubauen und sich im feindlichen Umfeld der Karrierepolitikerinnen und Bürokraten zu behaupten, so Loach, «dann wäre das eine Wende». Und seine Augen leuchten.

Ab 8. Dezember 2016 im Kino.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch