Nr. 49/2016 vom 08.12.2016

Speeddating für Neugierige

Karin Hoffsten suchte Rat bei Karl dem Grossen.

Von Karin Hoffsten

Es war weder ein Kaffeekränzchen noch Theater, kein Promianlass und schon gar nicht Psychotherapie, was das Zürcher Zentrum Karl der Grosse kürzlich anbot, sondern von allem ein bisschen: Am ersten «Berater-Festival» konnte man für je fünfzehn Franken bei zwölf Persönlichkeiten – manche prominenter als andere – fünfzehn Minuten Beratung buchen; die zu behandelnden Fragen waren vorgegeben. Die Idee stammt vom Künstler Jürg Halter, formerly known as MC Kutti, der selbst regelmässig berät. Ich erwarb einen Tagespass: drei Termine für 35 Franken. Um die Versuchsanlage nicht zu verfälschen, outete ich mich jeweils erst am Gesprächsende als WOZ-Kolumnistin.

Als Erste traf ich die Politologin Regula Stämpfli, die zur Frage «Wie wird man keine Opportunistin?» beriet, was nicht überrascht, wenn man ihre öffentlichen Auftritte kennt. Zur Einstimmung sollte ich zehn Dinge aufzählen, die ich gut könne, was mir – mit Verzögerungen ab Nummer fünf – auch gelang. Doch ich hatte eine Hidden Agenda, die ich innerhalb meiner fünfzehn Minuten durchbringen wollte.

Vor anderthalb Jahren habe ich Frau Stämpfli nämlich den Elan, mit dem sie sektiererische Kesb-GegnerInnen unterstützte, übel genommen; jetzt wollte ich ihre Beweggründe erfahren. In Anwendung meines neu erworbenen nichtopportunistischen Selbst wechselte ich also nach zehn Minuten abrupt das Thema und stellte meine Frage. Frau Stämpfli antwortete offen und persönlich, das Gespräch wurde endlich spannend, und wir überzogen zehn Minuten. Danach war ich zwar immer noch anderer Meinung, aber nicht mehr sauer. Das fand ich gut.

Dann sollte mir Cédric Wermuth die grös–senwahnsinnige Frage «Wie verbessere ich die Welt?» beantworten. Aber im Grunde wollte ich ja vor allem den laut Boulevard schönsten Nationalrat endlich mal in echt sehen. Ich war nicht enttäuscht. Der stellte gleich klar, diese Frage habe er sich sicher nicht selbst ausgedacht, wir könnten uns gern unterhalten, worüber wir wollten. So hatten wir es eine Viertelstunde lang lustig.

Die Frage bei Pfarrerin Sibylle Forrer, «Wie kann Religion heute gesellschaftliche Probleme lösen?», interessierte mich wirklich, die Antwort war mir aber auch nach unserem anregenden Gespräch nicht klarer. Wir waren uns vollkommen einig: Ob mit oder ohne Religion können gesellschaftliche Probleme nur durch das Engagement für Schwächere gelöst werden. Unser Wort in Gottes Ohr!

In der Zwischenzeit hatte sich Freundin D. erklären lassen, was man von den Bienen lernen könne, und was sie darüber erzählte, war so spannend, dass ich nächstes Mal wohl auch eher ein Thema wählen werde, von dem ich keine Ahnung habe. Oder haben Sie gewusst, dass eine Biene nur sechs Wochen lebt? Fans der Biene Maja dürfte es das Herz brechen.

Eines vergass ich übrigens alle drei zu fragen: warum sie persönlich eigentlich mitgemacht haben.

Karin Hoffsten isst bei Karl dem Grossen auch gern im Restaurant – nicht nur wegen der guten Speisen, sondern auch wegen des originellen Personals.

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