Nr. 38/2017 vom 21.09.2017

Regula Stämpfli fragt Regula Stämpfli

Wie die Politologin ein Interview mit sich selbst erfand.

Von Daniel Ryser

Vergangenen Donnerstag erschien in der WOZ ein Gespräch mit der Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr, in dem der Umgang der Linken mit dem Islam erörtert wurde. Anlass war eine Facebook-Attacke der SP-Politikerin gegen den Schriftsteller und Blogger Kacem El Ghazzali, der die Linke zuvor für ihren «naiven Umgang» mit dem Islam kritisiert hatte.

Am Freitag reagierte die Politologin Regula Stämpfli in einem Beitrag für den «Klein Report», sie warf dort Jacqueline Fehr und der WOZ vor, «Trumpism» zu betreiben. Der Naivitätsvorwurf an die Adresse der Linken war der Grund für das WOZ-Gespräch mit Fehr: Hatte sie auch inhaltlich etwas zu sagen? Sie hatte: «Ich vertrete einen emanzipierenden und keinen maternalistischen Feminismus», sagte Fehr. «Als emanzipierte Frau halte ich es für fragwürdig, Frauen vorschreiben zu wollen, was sie tragen sollen, ob Bikini oder Burka.» Regula Stämpfli schrieb ihrerseits: «Im Hinblick auf die Auseinandersetzungen der öffentlichen Themen rund um den Islam fällt auf, wie sehr die Debatte nicht als Debatte, sondern als Verunglimpfung ausgerechnet der Personen geführt wird, die sich für die klassischen Prinzipien von Rechtsstaat, Demokratie und Partizipation aller Menschen wehren.»

Mailbetreff: «Geht doch»

Ich fragte Stämpfli für ein WOZ-Interview zum Thema «Islamdebatte» an. Sie sagte zu, stellte jedoch die Bedingung, dass das Gespräch per Chat stattfindet. Also chatteten wir, kamen aber nicht voran. Ein Gespräch wäre viel besser für eine lebendige Debatte, schlug ich ihr am Telefon vor. Sie lehnte ab. Sie wolle sowieso vor allem Fehrs Facebook-Verhalten kritisieren, sich jedoch nicht zum Islam äussern. Damit könne man nur verlieren. Ich schrieb ihr nochmals: «Auch darüber würde ich gerne reden: Was passiert, wenn man über den Islam diskutiert?» Zwei Stunden später schickte mir Regula Stämpfli, die sich als Politologin öffentlich mit Medienfragen befasst, ein Interview mit sich selbst, das sie in der Zwischenzeit verfasst hatte, wobei sie mich als Autor angab. Mailbetreff: «Geht doch.»

Meine «Fragen» hatte sie aus unserem Vorgespräch abgeleitet oder ganz erfunden. Eine Antwort hatte sie teilweise und ohne Kennzeichnung aus einer ihrer Kolumnen im «Blick am Abend» übernommen. Titel des Interviews von Regula Stämpfli mit Regula Stämpfli: «Ist die Linke blind im Umgang mit dem Islam? Interview mit Regula Stämpfli.» Dann folgte der Einstieg: «Das Interview mit SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr warf grosse Wellen. Die Politologin Regula Stämpfli schrieb dazu eine Kolumne im ‹Klein Report› unter dem Titel: ‹Trumpism in der Schweiz: Zu einem neuen Phänomen.› Dort monierte sie die ‹Verunglimpfung ausgerechnet der Personen, die sich für klassische Prinzipien wie Rechtsstaat, Demokratie und Partizipation aller Menschen wehren.› Die Politologin Regula Stämpfli über eine Debatte, die mit harten Bandagen geführt wird.» Quellenangabe: «Interview: Daniel Ryser».

Recycling im «Klein Report»

Dieses Fake-Interview sollte die WOZ publizieren. Darin spielt die fragende Stämpfli der antwortenden Stämpfli den Ball zu: «Gender-Theoretikerinnen weisen aber darauf hin, dass es anmassend und eine typische männliche Vorstellung weiblicher Selbstbestimmung sei, wenn man das Tragen eines Schleiers nicht als selbstbestimmt definiere. Frauen hätten das Recht, vernünftige Strategien im falschen System zu wählen.» Ich antwortete Stämpfli, ich hätte das Wort «Gender-Theoretikerinnen» noch nie im Leben benutzt, hätte sowieso alles ganz anders formuliert, und überhaupt sei mir das noch nie passiert, dass sich jemand in meinem Namen selbst interviewt. Stämpflis Antwort: «Ich habe kein Interview mit mir selbst geführt, sondern unser Telefonat und die Fragen zusammengefasst.» Am nächsten Tag warf Stämpfli der WOZ im «Klein Report» erneut «Trumpism» vor (in den Text hatte sie Themen eingebaut, die ich ihr zur Debatte vorgeschlagen hatte). So kann man es natürlich auch machen: den anderen vorwerfen, sie führten keine Debatte, und dann eine Debatte mit sich selbst führen, «Trumpism» schreien und Fake-Interviews produzieren.

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