Nr. 50/2016 vom 15.12.2016

Die Linke könnte ihre Werte deutlicher, farbiger und auch herzlicher vertreten.

Was kittet eine offene Gesellschaft zusammen? Gemeinsame Werte zu finden und zu stärken, ist eine wichtige Aufgabe der Linken.

Von Lotta Suter (Text) Und Philip Bürli (Illustration)

Politische Systeme, in denen Fürsten oder Diktatoren oder politische Parteien willkürlich und autoritär bestimmen, was rechtens ist und welche Religion, welche Sitten ihre UntertanInnen befolgen müssen, gehören auf den Misthaufen der Geschichte. Zu Recht sind offene Gesellschaften stolz darauf, ihren Mitgliedern nicht von oben eine bestimmte Ethik oder Moral aufzuzwingen, sondern ihnen ein Leben nach eigenem Gutdünken zuzugestehen – immer im Rahmen der geltenden Gesetze.

Diese Gesetze sind natürlich auch moralisch «belastet». In der Schweiz lässt sich das etwa an der zögerlichen Entwicklung des Ehe- und Kindesrechts ablesen, das Frauen bis vor kurzem patriarchalisch bevormundete und heirats- oder adoptionswillige Erwachsene bis heute aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert. Doch in einem modernen Rechtsstaat können wir BürgerInnen die Rechtsordnung politisch mitbestimmen und veraltete Sitten über Bord werfen.

Mehr Recht, weniger Moral

Ist dies der gesellschaftliche Weg, der geradewegs zur Sonne, zur Freiheit führt: mehr Recht, im Sinn von gleichem Recht für alle in Politik und Wirtschaft, dafür weniger Moral und Ethik? Linke aus meiner Generation der Achtundsechziger haben in diese Richtung gedacht. Uns ging es damals um die Befreiung von moralischen Zwängen, um die Flucht aus der «Engnis der Enge», die der Schriftsteller Paul Nizon 1970 am Beispiel der Kunst beschrieb. Freie Liebe, selbstbestimmte Arbeit, autonomes Wohnen, das Recht auf den eigenen Bauch, antiautoritäre Erziehung – stets ging es um die Freiheit von gesellschaftlichen Vorurteilen, Autoritäten und Machtstrukturen. Wohin die neue Freiheit ethisch führt oder führen soll, darüber haben wir uns in der Aufbruchstimmung weniger Gedanken gemacht. Kokett haben wir mit dem real existierenden Sozialismus sowjetischer oder chinesischer Art geflirtet. Oder uns in moralisch-fundamentalistischen Pseudodebatten verausgabt: Trägt die echte Feministin lila Latzhose oder Lippenstift? Wie grün oder rot ist die wahre Alternative? Darf man Kinder in diese kapitalistische Welt setzen?

Spätestens Ende der achtziger Jahre, nach dem Fall der Berliner Mauer, zeigte sich in den Post-Achtundsechziger-Gesellschaften ein gewisses Wertevakuum. Im Zerrspiegel eines zunehmend aggressiveren Neoliberalismus verkam die progressive emanzipative Selbstbestimmung zur blossen Vereinzelung. Die Wirtschaft stürzte sich auf die Arbeits- und KonsumnomadInnen, auf die Einzelmenschen, die mehr Arbeitszeit zur Verfügung stellen und auch mehr kaufen können als Leute mit etlichen sozialen Verpflichtungen. Wir Linken traten diesem gesellschaftlichen Kältetrend, dieser Verkapitalisierung unserer Werte, mit alternativen Kollektiven entgegen – vorab mit Wohngenossenschaften oder selbstverwalteten Betrieben.

Doch genügt es, für die eigenen Werte eine Nische zu finden und sie da zu leben? Ist das noch politisch oder schon privat? Und wie findet man wieder aus diesem Schongebiet der Identitätspolitik heraus? Wie kommen wir vom privaten Gewissen (siehe «Als einzige Möglichkeit bleibt die unablässige Suche …», WOZ Nr. 6/2016) zu einer öffentlich wirksamen Ethik? Was sichert die politische Einflussnahme auf die Gesamtgesellschaft? Der Rechtsstaat steckt mit Arbeitsgesetzen, Sozialversicherungen, Migrationsentscheiden, Umweltschutz et cetera den Rahmen auch noch des alternativsten Lebens ab. Und die Linke, «l’autre monde», will die Gesetzgebung doch nach Möglichkeit mitprägen, was zurzeit immer seltener gelingt.

Eine Neuregulierung der Ethik

Irgendwie ist der Faden zum «Volk» gerissen. Das zeigen seit Jahren die Abstimmungsresultate in westlichen Demokratien, nicht erst die spektakuläre Trump-Wahl diesen Herbst in den USA. Die Rechte hat viel Politterrain besetzen können, indem sie den neoliberalen Steuererleichterungen und Deregulierungen, die nur für die Reichen von Interesse sind, einen prallvollen Kessel mit positiven Werten für das gemeine Volk hinzufügte: Heimatliebe, gesteigertes Selbstwertgefühl, wohlige Geborgenheit. Nur wurde diese heile Welt, wie das bei rechtspopulistischen Gruppierungen üblich ist, auf Kosten von schwächeren Dritten konstruiert, nämlich mittels Ausgrenzung, Xenophobie, Sexismus und Rassismus. Das ist das pure Gegenteil einer fortschrittlichen Politik, die – statt auf Hass und Ausgrenzung – auf Vertrauen und einem egalitären Menschenbild fusst. Doch warum Feuer nicht mit Feuer bekämpfen? Die Linke könnte die verbindenden Werte unserer offenen, multikulturellen Gesellschaft offensiver benennen und gegen aussen deutlicher, farbiger und auch herzlicher vertreten als bisher.

Die Verschiedenartigkeit der Welt

Zu Recht wird von linker Seite kritisiert,  dass die bürgerlichen Parteien ständig von wirtschaftlicher Freiheit und Deregulierung sprechen und dabei lediglich die Freiheit einer kleinen Wirtschaftselite meinen. Im Neoliberalismus werden laufend neue Regeln eingeführt, die statt der Allgemeinheit eine kapitalistische Superklasse begünstigen. Es handelt sich also nicht um eine Deregulierung, sondern um eine Neuregulierung aufgrund bestimmter Spezialinteressen. Wieso wird diese Denkfigur nicht ebenso klar erkannt, wenn es um Moral und Ethik geht? In diesem Fall ist es die Linke, die mehr Freiheit und «Deregulierung» oder vielmehr Entmoralisierung der Gesellschaft, der Politik, des Rechts anstrebt. Und die  dabei eigentlich eine Neuregulierung, eine neue Ethik meint, die den eigenen antikapitalistischen Interessen, einer gerechteren Welt für alle, nähersteht.

Dafür brauchen wir – egal ob religiös oder politisch motiviert – eine moralisch-ethische Grundeinstellung, mit der wir die Differenzen und auch das Konfliktpotenzial der unterschiedlichen Kulturen, Religionen, Ethnien, Generationen, Familienformen, Bildungshorizonte, sexuellen Orientierungen in unserer Gesellschaft wahrnehmen, verstehen und ansprechen können.

Denn die Verschiedenartigkeit und Uneinheitlichkeit der Welt ist eine unumkehrbare Bedingung des sozialen und politischen Lebens, wie die Philosophin Hannah Arendt feststellte. Dagegen kann man mit unbelehrbarer «Weltlosigkeit» (Arendt) anwüten und dabei die störenden Anderen zu wertlosem Unrat entmenschlichen. Oder aber wir nehmen die ethische Herausforderung von Arendt an. Das heisst, wir akzeptieren die Unfreiwilligkeit des umfassenden, pluralistischen und fragilen Zusammenlebens und machen uns daran, dieses aktiv zu pflegen und zu gestalten. Das wäre der Grundstein zu einer kollektiven linken Ethik, divers und vielschichtig wie die Gesellschaft selber.

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