Nr. 23/2016 vom 09.06.2016

Der Spielraum ist oft grösser, als uns eingeredet wird. Der Mensch kann gierig sein, aber auch gut.

Die Wirtschaftstheorie gibt sich gerne wertfrei, Betriebe lagern ethische Fragen in Spezialabteilungen aus. Wie können wir gewissenhaft wirtschaften?

Von Lotta Suter (Text) und Philip Bürli (Illustration)

Vor bald hundert Jahren, während der grossen Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre, bilanzierte der Dramatiker Bertolt Brecht in seiner «Dreigroschenoper» reichlich pessimistisch: «Wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt, frisst. Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.» Es stimmt: Das wirtschaftliche Handeln wird nicht auf gleiche Weise reguliert wie der Rest des gesellschaftlichen Zusammenlebens, wo man von Gesetzes wegen niemanden ungestraft beleidigen, übers Ohr hauen, verletzen oder gar beseitigen darf. Eher herrscht in der neoklassischen Ökonomie sozial gesehen ein permanenter Ausnahmezustand oder noch schärfer gesagt: eine Kriegsmentalität, die nichts als Freund und Feind, Eroberung und Unterwerfung, Sieg und Niederlage und eine ausgeprägte Entmenschlichung der Gegenpartei kennt.

Der indische Ökonom, Philosoph und Nobelpreisträger Amartya Sen kritisiert diesen wirtschaftlichen Egoismus als «selbstgefällige Verantwortungslosigkeit». Optimistischer als Brecht, denkt Sen jedoch, dass die reale Wirtschaft noch durch anderes menschliches Verhalten angetrieben wird als bloss durch individuellen Eigennutz. Er hat denn auch einen schönen Teil seiner langen Karriere der Frage gewidmet, wie die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen in der ökonomischen Theorie so abgebildet werden könnten, dass diese Theorie zur Verbesserung des Gemeinwohls taugt.

Dass das enge Eigennutzmodell der orthodoxen Ökonomie nicht sehr aussagekräftig ist, haben die Wirtschaftskrisen der letzten Jahre eigentlich hinreichend belegt. Die globale Wirtschaft ist nicht so sicher, vorhersehbar und steuerbar, wie das ihre ApologetInnen gern hätten. Mit kalkulierten Tauschvorteilen allein wurde das komplexe Gebilde in den Stürmen sicher nicht aufrechterhalten. Auch die ideologisch eigentlich unzulässigen staatlichen Finanzspritzen waren es nicht, die überlebenswichtige Kernbereiche der Wirtschaft retteten. Das Schlimmste verhindert haben so komplexe soziale Verhaltensmuster wie die Zwischenmenschlichkeit. Der Mensch kann gierig sein, aber er ist auch gut.

Erfolgreiche Alternativen

Der Kapitalismus habe gesiegt, behaupteten viele nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Fall der Berliner Mauer. Das stimmt vielleicht im Grossen: Sozialistische Planwirtschaften wie die Russlands und Chinas näherten sich nach 1989 dem System der «freien Marktwirtschaft» an, das dadurch global an Bedeutung gewann und bald eine Monopolstellung für sich beanspruchte.

Die Menschen haben aber nie aufgehört, auch anders zu wirtschaften. Dies nicht bloss in der informellen Schattenwirtschaft, die in Entwicklungsländern, aber auch in Italien, Spanien oder Griechenland einen wichtigen Teil der nationalen Volkswirtschaft ausmacht, oder in den Privathaushalten, wo die geleistete Arbeit statistisch meist nicht oder nur mangelhaft erfasst wird. Daneben gab und gibt es gerade auch in Europa und in der reichen Bankenschweiz zahlreiche Betriebe, die sich ausdrücklich als Teil einer alternativen Ökonomie definieren.

Viele dieser Projekte sind eher Sonderlösungen: So kann der bäuerliche Direktverkauf von biologischem Gemüse, der bei den KundInnen ein konstantes, berechenbares Grundbedürfnis abdeckt, nicht ohne weiteres auf die Produktion und den Verkauf anderer, dauerhafterer Konsumgüter übertragen werden. Ein Einzelfall bleibt wegen der Marktgrösse wohl auch die Alternative Bank, die ihr Primat der Ethik – verantwortliches Banking – seit zwanzig Jahren ziemlich erfolgreich gegen die skrupellose branchenübliche Gewinnmaximierung verteidigt. Zuweilen schränkt die spezifische ideologische Ausrichtung einer Wirtschaftsalternative den Kreis der InteressentInnen ein. Die von der Anthroposophischen Gesellschaft angeregte «Ökonomie der Brüderlichkeit» zum Beispiel beschäftigt sich mit den wichtigen Themen Bodenrecht, Hauseigentum und Sozialleistungen, bleibt aber stark der Begrifflichkeit des Übervaters Rudolf Steiner verhaftet.

Es lohnt sich aber in jedem Fall, die alternative ökonomische Praxis und Politik – vom Altersheim auf dem Bauernhof bis zur urbanen sozial und ökologisch ambitionierten Business Community, vom bedingungslosen Grundeinkommen bis zur Vollgeldinitiative – genau anzuschauen und zu fragen: Befähigen diese ökonomischen Ansätze möglichst alle Menschen zu einem guten, gelingenden, würdigen Leben? Wie vergrössern sie unsere «Verwirklichungschancen» (Amartya Sen)? Und: Bezieht unser lokales Nachdenken über Wohlbefinden und Gerechtigkeit den ganzen Globus mit ein?

Unauflösliche Verknüpfung

Ethik ist in. Grosskonzerne wie Novartis, Nestlé oder UBS leisten sich seit Jahrzehnten spezielle Ethikabteilungen, die ihnen einen guten Corporate-Governance-Ruf aufbauen und erhalten sollen. Und heute begreift noch das abgelegenste KMU und checkt der obskurste Onlineshop, dass sie sich auf jeden Fall einen blickdichten Mantel aus sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit umlegen müssen. Auf Schritt und Tritt trifft man auf Labels, die die ökologische und soziale Verträglichkeit von Nahrung, Kleidern, Baumaterial und sogar von Kapitalanlagen garantieren oder zumindest versprechen.

Vor einigen Jahren machte die Frohbotschaft die Runde, dass wir als bewusste KundInnen die Märkte moralisieren könnten. Das ist nicht so einfach, denn die «freien Märkte» haben darauf nicht gewartet. Die neoklassische Ökonomie weist jede Moral als systemfremd, ja gar als schädlich für die Wirtschaftsentwicklung zurück. Sie lagert Ethik, wenn überhaupt, als Sonderaufgabe aus. Demgegenüber müssen wir Linke auf der unauflöslichen Verknüpfung von Wirtschaft und Menschenrechten bestehen. So wie es etwa die Entwicklungsorganisation Erklärung von Bern, die neu Public Eye heisst, seit 1968 tut. Oder so wie das zurzeit die Konzernverantwortungsinitiative fordert: Schweizer Firmen sollen den Schutz von Menschenrechten und der Umwelt rechtlich verbindlich in sämtliche Geschäftsabläufe im Inland wie im Ausland einbauen.

Im Konsumalltag ist es aufwendig, ethisch verantwortungsvoll zu wirtschaften. Aus Ignoranz oder Bequemlichkeit werden wir immer wieder falsch entscheiden. Wenn man gerade ein Haus geerbt hat, ist es viel verlangt, sich der ungehemmten Bodenspekulation zu entziehen. Vielleicht geht eineR nur den halben Weg. Es ist nicht unbedingt karrierefördernd, von der Betriebsführung ethisches Wirtschaften einzufordern. Wieso nicht mit andern zusammen handeln? Dass es kein absolut richtiges Leben im Falschen gibt, sollte uns jedenfalls in Sachen Wirtschaftsethik nicht zu FundamentalistInnen eines utopischen Systems oder aber zu mutlosen OpportunistInnen machen. Der wirtschaftliche Spielraum ist oft grösser, als uns eingeredet wird. Das Wichtigste ist, dass wir nie vergessen, dass wir Menschen sind.

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