Nr. 51+52/2016 vom 22.12.2016

Faktencheck!

Dieses Jahr wurden so viele Fakten überprüft wie noch nie. Warum der beliebte «Faktencheck» doch nur eine Verkümmerung des Journalismus bedeutet.

Von Kaspar Surber

Über die Sprachgrenzen hinaus herrscht Einigkeit. Postfaktisch beziehungsweise «post-truth» ist das Wort des Jahres, wie die Gesellschaft für deutsche Sprache und der Oxford Dictionary einmütig vermelden. Das Adjektiv bezeichnet Umstände, «in denen objektive Tatsachen weniger Einfluss auf die Gestaltung der öffentlichen Meinung haben als Appelle an Emotionen und persönliche Überzeugungen», so die Umschreibung im britischen Wörterbuch. Kein Wunder, ist eine journalistische Darstellungsform angesagt, die sich als Gegenmittel dazu versteht: der Faktencheck.

«Es war ein hervorragendes Jahr für den Fact Checker», schreibt Glenn Kessler begeistert in seinem Blog für die «Washington Post». Fünfmal höher als im Präsidentschaftswahlkampf von 2012 sei die Zahl der LeserInnen in diesem Jahr gewesen. Kessler muss es wissen: Er gehört zu den Pionieren unter den Faktencheckern. Die Skala mit Pinocchios ist seine Erfindung, sie reicht von einem Pinocchio (geringfügige Abweichung) bis zu vier Pinocchios (offenkundige Lüge) – in den seltenen Fällen der absoluten Wahrheit gibt es den Holzschnitzer Gepetto als Auszeichnung. Überhaupt liebt der Faktenchecker die Symbolik. Bei der Konkurrenz «PolitiFact» der «Tampa Bay Times» hat man das sogenannte «Truth-O-Meter» entwickelt, mittlerweile ein eingetragenes Markenzeichen: Der Zeiger dieses Wahrheitsdetektors kann von «true» bis «pants on fire» (vom Kindervers «Liar, liar, pants on fire!») ausschlagen.

Ein Versprechen ist noch in Arbeit

Überprüft werden auf beiden Portalen vornehmlich Zitate von PolitikerInnen, und das mit ausführlichen Recherchen. In Kesslers Jahresbestenliste belegt die Plätze eins bis fünf wenig überraschend Donald Trump. Das «Obameter» auf «PolitiFact» wiederum zeigt an, dass Barack Obama als US-Präsident 256 seiner Wahlversprechen halten konnte, bei 142 wurde ein Kompromiss gefunden, 134 hat er gebrochen. Eines ist noch in Arbeit.

Das Factchecking ist längst zum globalen Phänomen geworden. In Nigeria prüft das «Buharimeter» die Versprechen von Präsident Muhammadu Buhari, in der Schweiz unterzieht der «Tages-Anzeiger» die «Arena»-Sendungen einem Faktencheck. Auch über Versprechen von PolitikerInnen hinaus sind die Checks beliebt: Die Münchner Polizei unterzog via Twitter die Arbeit von «Tatort»-Kommissaren live einer Überprüfung. Die Linke reklamiert die Fakten ebenfalls für sich: Der «FaktenCheck: Hellas», der auch schon der WOZ beigelegt war, beschäftigte sich mit dem Spardiktat für Griechenland. Mein Favorit bleibt aber schweinefakten.de: Auf dieser Website informiert der Zentralverband der deutschen Schweineproduktion über das «Wahrnehmungsdilemma» der Nutztierhaltung. Auch wenn er das erkennbar aus seiner Sicht tut, gilt auch hier das Motto: «für eine fundierte Information und sachliche Diskussion».

Sofern Faktenchecks tatsächlich unabhängig recherchiert sind, mögen sie aus politischer Sicht eine aufklärerische Wirkung haben. Zwar bringen sie nichts gegen einen Politiker wie Donald Trump, der auf die Unterscheidung von «Lüge» und «Wahrheit» von vornherein verzichtet hat. Sie können den WählerInnen aber zumindest Orientierung im Informationswust bieten.

Die eigene Haltung

In der journalistischen Arbeit sind die Faktenchecks aber kaum eine Innovation. Die Branche hat schon immer unter einem unterbeleuchteten Realitätsbegriff gelitten. Was die Wirklichkeit überhaupt sein könnte, wie sie erst über ihre Vermittlung entsteht, wird unter JournalistInnen selten diskutiert. So gilt es bereits als objektiv, zwei Standpunkte zu einer Frage einzuholen. Im Zweifel helfen ExpertInnen weiter. Der Faktencheck ist eine weitere Verkümmerung dieses Denkens: Die Fakten gibt es per se, sie müssen bloss noch überprüft werden. Die journalistische Arbeit endet so am Ort, wo sie erst beginnt.

Zur Wahrnehmung der Wirklichkeit gehören mehr als nur Fakten: Die Beobachtung, wie sie produziert werden, die Erzählung, aus welchen Machtverhältnissen sie entstehen, sowie der subjektive, im besten Fall reflektierte Eindruck der AutorInnen zeichnen guten Journalismus aus. Sicher ist das viel verlangt angesichts der herrschenden Zeitnot auf den Redaktionen. Als praktische Formel genügt, was bereits jeden Faktencheck sprengt: Ein guter Text hat mindestens zwei Quellen und eine eigene Haltung.

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