Nr. 51+52/2016 vom 22.12.2016

Warum vergraben Rudolf Steiners Fans Kuhhörner?

Die Agronomin Anet Spengler lässt sich gerne von der anthroposophischen Landwirtschaft inspirieren, wünscht sich eine Welt ohne Tierfabriken und hofft, dass LandwirtInnen dank Technik bald mehr Zeit für ihre Tiere haben.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Anet Spengler: «Ich finde, wir sollten viel stärker auf Kreislaufwirtschaft setzen: Das Futter muss in der Region wachsen, wo die Tiere leben, und auch ihr Mist muss dort verwertet werden.»

Anet Spengler, sind Sie Fan von Rudolf Steiner?
Anet Spengler: Ich habe immer Mühe, wenn jemand zum Guru gemacht wird. Aber ich befasse mich schon lange mit der biodynamischen Landwirtschaft, die auf Steiner zurückgeht. Sein «Landwirtschaftlicher Kurs» von 1924 fasziniert mich.

Manche glauben aber an Steiner wie an einen Guru.
Ich kenne Steiner-Gläubige, die biodynamischen Bauern nehme ich aber überhaupt nicht so wahr. Die sagen nicht: «Aber Steiner hat gesagt …», sondern: «Ich beobachte da etwas und finde es spannend.» Bauern können ohnehin nicht nach Schema arbeiten. Sie müssen immer schauen: Wie geht das auf meinem Hof, mit meinem Klima, meinem Boden? Da kann man nicht nur zitieren, man muss ausprobieren.

Biodynamische Bäuerinnen und Bauern vergraben Kuhhörner und rühren stundenlang in ihren Präparaten – ziemlich schräg.
Die Spritzpräparate sind tatsächlich ein wichtiges Element der biodynamischen Landwirtschaft. Für das Hornmistpräparat wird Kuhmist in ein Horn gefüllt und über den Winter vergraben. Das Resultat sieht aus wie sehr feiner Kompost. Den löst man in kleinen Mengen in Wasser auf und rührt ihn eine Stunde, dann wird er im Frühling übers Feld gespritzt. Es geht darum, den Boden für die Saat zu öffnen, die Fruchtbarkeit zu fördern. Für das Hornkieselpräparat wird Bergkristall fein vermahlen und im Kuhhorn über den Sommer vergraben. Es soll die Reife fördern. Bei beiden Spritzpräparaten geht es darum, Kräfte zu vermitteln, ähnlich wie in der Homöopathie.

Glauben Sie daran?
Die Wirkungsweise der Präparate ist schwer zu erklären. Aber das Ergebnis kann man manchmal sehen. Interessant ist, dass viele Winzer vom Kieselpräparat schwärmen: Sie sagen, es verändere die Blattstellung der Reben und verbessere den Geschmack des Weins. Und dann gibt es noch den sogenannten DOK-Versuch in Therwil bei Basel. Dort vergleicht das FiBL seit fast vierzig Jahren konventionellen, bioorganischen und biodynamischen Ackerbau. Die biodynamischen Böden haben die beste Qualität, die beste Struktur und die meisten Lebewesen. Das liegt nicht nur an den Präparaten; ein wichtiger Punkt ist auch, dass der Mist vor dem Ausbringen kompostiert wird. – Aber für meinen Einstieg ins biodynamische Denken waren die Präparate nicht das Wichtigste.

Was denn?
Manche Passagen aus Steiners «Landwirtschaftlichem Kurs», die zeigen, dass immer vom Wesen, vom Arttypischen auszugehen ist – bei Pflanze und Tier. Es geht also nicht zuerst darum, wie ich ein Lebewesen so rentabel wie möglich mache, sondern wie ich ihm gerecht werde. Steiner sagte schon vor hundert Jahren, man solle Feuchtgebiete und Hecken pflegen und auch Wildpflanzen und Wildtieren Raum geben.

War er also ein Ökologiepionier?
Ja. Was er sagte, fanden viele unverständlich. Als ich in den achtziger Jahren bei einem biodynamischen Bauern arbeitete, fanden es seine Nachbarn total schräg, dass er Hecken pflanzte. Er hingegen sagte: «Das ist sinnvoll, die Hecke hält die Winderosion auf, fördert ein gutes Mikroklima und zieht Vögel und Insekten an.» Heute ist das anerkannt, es gibt Biodiversitäts- und Landschaftsqualitätsbeiträge dafür. Kürzlich war ich wieder auf dem Hof: Die konventionell bauernden Nachbarn haben jetzt auch Hecken.

Zum Biolandbau allgemein: In welche Richtung soll es gehen?
Wir müssen es schaffen, eine Landwirtschaft zu entwickeln, in der Tierfabriken nicht mehr nötig sind – bio wie konventionell. Das ist für mich das Allerwichtigste.

Gibt es Tierfabriken im Biolandbau?
In der Schweiz noch kaum, aber beim Geflügel geht es in diese Richtung – die Tierhaltung ist zwar gut, aber es sind einfach zu viele. In der EU ist auf Biohöfen eine viel grössere Massierung von Tieren erlaubt.

Sie haben «nicht mehr nötig» gesagt. Sind sie heute denn nötig?
Manche glauben, sie seien nötig, um genug zu produzieren für all die Leute, die tierische Produkte essen, aber nicht viel dafür bezahlen wollen. Ich finde dagegen, wir sollten viel stärker auf Kreislaufwirtschaft setzen: Das Futter muss in der Region wachsen, wo die Tiere leben, und auch ihr Mist muss dort verwertet werden. Kurzfristig macht das die Produkte teurer. Aber langfristig, vermute ich, kommt uns die Billigproduktion wegen der Umweltschäden viel teurer zu stehen. Dass ich industrielle Tierhaltung ablehne, heisst aber nicht, dass ich generell gegen technische Entwicklungen bin.

Welche Neuerungen finden Sie gut?
Technische Hilfsmittel wie Melk- oder Fütterungsroboter können sinnvoll sein – wenn man den Zeitgewinn durch die Technik nutzt, um die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren zu stärken. Also um viel bei den Tieren zu sein und sie zu beobachten. Das ist nicht nur ethisch, sondern auch ökonomisch klug: So erkennt man die Probleme der Tiere früh und kann eingreifen, bevor es teuer wird. Ohnehin würde ich sagen: Gute Bauern und Bäuerinnen sind jene, für die die Beobachtung und die Beziehung zu den anderen Lebewesen zentral sind.

Anet Spengler (53) ist Agronomin am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick.

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