Nr. 03/2017 vom 19.01.2017

Mit nackten Zahlen gegen die Herrschaft der Würste

Eine kleine Statistik mit grossen Folgen: Nach ernüchternden Zahlen zu Frauen und Männern in der Schweizer Filmbranche bewegt sich endlich etwas in Sachen Gleichberechtigung.

Von Silvia SüessMail an Autor:in

Mit einer originellen Aktion sorgten im letzten Dezember australische Filmemacherinnen für Schlagzeilen: Als Würste verkleidet stürmten sechzehn Frauen bei der Gala des australischen Filmpreises den roten Teppich. Die Würste sangen: «Beendet die Wurstparty!», und warfen sich auf den Boden. Die Aktion dauerte nur wenige Minuten, dann wurden die Frauen von adrett gekleideten Securityherren vom Teppich gezerrt.

Den Auftritt hatte die international vernetzte Organisation Women in Film and Television organisiert – mit dem Ziel, auf einen chronischen Missstand in der Filmbranche aufmerksam zu machen: die fehlende Repräsentation von Frauen. Vor allem an grossen Festivals und bei prestigeträchtigen Filmpreisen fällt immer wieder auf, wie stark hier Werke von Frauen untervertreten sind. Von den 28 Filmen, die in allen Kategorien für die australischen Filmpreise nominiert waren, stammten gerade einmal zwei von Frauen.

Auch in der Schweiz gab es eine Aktion, die auf das Missverhältnis von Männern und Frauen in der Filmbranche aufmerksam machen wollte. Allerdings auf gut schweizerische Art: diskret und strukturiert – und dabei höchst wirkungsvoll. Noch 2014 hatte sich Ivo Kummer, Leiter der Sektion Film im Bundesamt für Kultur, in der WOZ gegen eine Frauenquote in der Filmförderung ausgesprochen. Seine Begründung damals: «Die Zeit, in der man Männer bevorzugte, ist vorbei.» Nur etwas mehr als zwei Jahre später steht er zwar immer noch dazu, lehnt aber eine Quote nicht mehr kategorisch ab: «Das wäre eine letzte Massnahme, wenn sich doch zeigt, dass Frauen permanent benachteiligt werden.»

Nur ein Fünftel an Frauen

Was ist passiert? Es sind Zahlen und Statistiken, die die Schweizer Filmbranche aufgerüttelt haben. An den Solothurner Filmtagen 2015 präsentierten der Verband Filmregie und Drehbuch Schweiz (ARF/FDS) und die Stiftung Weiterbildung Film und Audiovision Focal eine Studie, für die sie Daten von 2013 und 2014 erhoben hatten. Dazu schlüsselten sie die Fördergesuche für Regie und Drehbuch beim Bund, bei der SRG und bei regionalen Förderstellen nach dem Geschlecht der Gesuchstellenden auf. Die Bilanz war ernüchternd: Ein Drittel der Eingaben kam von Frauen, doch nur ein Fünftel der gesamten Fördersumme der Jahre 2013 und 2014 ging an von Frauen eingereichte Projekte.

«Früher verbrannten die Feministinnen BHs, heute machen wir Statistiken», sagt Ursula Häberlin vom ARF/FDS, eine der Mitautorinnen der Studie. Sie freut sich über die grosse Resonanz, die der Bericht in der Branche ausgelöst hat, und vor allem darüber, wie schnell anschliessend gehandelt wurde.

Gleiche Bezahlung, gleiche Rechte

Zu den wichtigsten Folgen der Studie gehört, dass die Gleichstellung zwischen den Geschlechtern erstmals überhaupt in der Förderverordnung (beziehungsweise in den dazugehörigen Filmförderkonzepten, die im Juli 2016 in Kraft getreten sind) formuliert wurde: «Das Verhältnis der geförderten Projekte von Frauen und Männern soll in einem ausgewogenen Verhältnis zu den eingereichten Gesuchen stehen», ist da zu lesen. Ausserdem ist sowohl beim Drehbuch wie auch in der Projektentwicklung festgehalten, dass – nebst dem Nachwuchs – Gesuche von Autorinnen und Regisseurinnen bevorzugt werden sollen. «Damit wird ja genau das Gegenteil von der Benachteiligung der Frauen angestrebt», sagt Kummer. «Man muss jedenfalls die Entwicklung über eine gewisse Zeitspanne beobachten, statistisch erfassen und dann auswerten.»

Eine solche Datenerhebung regte die Studie auch an: Ab diesem Jahr sollen alle Förderstellen mit einem einheitlichen Formular Daten der von ihnen geförderten Filme erfassen. Unter anderem wird da nach dem Geschlecht der Crewmitglieder, deren Löhnen sowie dem Geschlecht der fünf wichtigsten Filmfiguren gefragt. Ursula Häberlin ist überzeugt: «Nur wenn wir eine kontinuierliche Datenerhebung haben, können wir glaubhaft aufzeigen, dass tatsächlich eine Diskriminierungskultur besteht. So können wir wirklich etwas verändern, aber auch prüfen, ob ergriffene Massnahmen eine Änderung bewirken.»

Eine dritte Folge der 2015 präsentierten Zahlen war schliesslich die Gründung des Netzwerks Swan (Swiss Women’s Audiovisual Network) im Januar 2016. Zu den acht Mitgründerinnen gehört die Genfer Drehbuchautorin Stéphane Mitchell. Die 2015 präsentierten Zahlen hätten sie erschüttert, sagt sie: «Sie bestätigten mir, dass es nicht nur mein Gefühl ist: Dass Frauen in der Filmförderung diskriminiert werden, ist eine Tatsache.» Auch international wurde die strukturelle Benachteiligung von Frauen in der Filmbranche lautstark thematisiert: In Cannes taten bereits 2010 mit der Petition «You Cannes not be serious» mehrere Filmemacherinnen ihren Unmut darüber kund, dass im Wettbewerb des bedeutendsten Filmfestivals der Welt kein einziges Werk einer Frau auftauchte. Und 2015 forderte die US-Schauspielerin Patricia Arquette in ihrer Dankesrede bei der Oscar-Verleihung «ein für alle Mal gleiche Bezahlung und gleiche Rechte für Frauen».

In dieser Grundstimmung wurde Swan gegründet, ein Netzwerk, über das Frauen aus der Filmbranche sich kennenlernen und Informationen austauschen können. Innerhalb von drei Tagen hatte die Gruppe bereits 500 Mitglieder. Ende 2016 waren es fast 1000 – hauptsächlich Frauen, aber nicht nur. Auf der Seite werden internationale Medienberichte zum Thema «Frauen und Film», Stellenangebote und Veranstaltungshinweise gepostet. Da alle Mitorganisatorinnen von Swan beruflich stark eingespannt sind, konzentriert sich das Engagement von Swan bis auf wenige Ausnahmen auf Facebook. Das muss jedoch nicht so bleiben. «Wer weiss, ob Schweizer Filmemacherinnen so crazy sein können wie die Australierinnen. Lustig wäre so eine Aktion auf jeden Fall», sagt Mitchell. Im Moment sei das aber gar nicht nötig: «Zurzeit scheint sich in der Schweizer Filmbranche auch ohne lautstarke Aktionen vieles zum Guten zu wenden.»

Ganz anders sieht das allerdings dort aus, wo viel mehr Geld umgesetzt wird als beim Kinofilm: bei den Werbe- und anderen Auftragsfilmen. In der Jury, die letzten November die Preise für die besten Auftragsproduktionen vergeben hat, sassen 36 Männer und lediglich drei Frauen. Ob sich hier so bald etwas ändern wird, ist fraglich. Vielleicht braucht es dazu doch bald eine wurstige Aktion.

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