Nr. 03/2017 vom 19.01.2017

Der Weg der Jeans

Von Bettina Dyttrich

Das Foto ist kaum zu ertragen: Im Tod sehen die Menschen, die der Fahrlässigkeit der globalisierten Bekleidungsindustrie zum Opfer gefallen sind, fast aus wie Puppen. Ein Mann und eine Frau in enger Umarmung, halb unter Trümmern begraben, der weisse Staub gibt ihrer Haut den Anschein von Plastik. Es sind zwei von rund 1130 ArbeiterInnen, die 2013 in der einstürzenden Fabrik von Rana Plaza in Bangladesch starben.

Die Serie der Bangladescher Fotografin Taslima Akhter ist zugleich erschreckend und behutsam. Auf einem Bild sieht man eine Grossfamilie in einem einzigen engen Raum schlafen. Ein Elend, wie es vor 150 Jahren auch in der Ostschweiz, damals eine der wichtigsten Textilregionen der Welt, nicht selten war. Diesen Bezug stellt die Ausstellung «Fast Fashion» im Textilmuseum St. Gallen leider nicht her. Trotzdem ist sie unbedingt sehenswert.

«Fast Fashion» ist eine gelungene Mischung aus harten Infos und künstlerischen Arbeiten. Infografiken zeigen den Weg, den eine Jeans zurücklegt, was wo produziert wird oder welche Stoffe die Umwelt wie stark belasten. Videos lassen Arbeiterinnen zu Wort kommen – die Löhne sind im Vergleich zu den Lebenskosten in Osteuropa sogar noch schlechter als in Asien. Zum Schluss kommentiert WOZ-Kolumnist und -Zeichner Ruedi Widmer mit ironischen Cartoons die schwierige Suche nach der nachhaltigen Mode.

Perfekt zur Ausstellung passt das «Antikapitalistische Buch der Mode» von Tansy Hoskins. Die britische Journalistin hat eine Fülle von Fakten zusammengetragen: über die Männer, die an Billigmode und Haute Couture Millionen verdienen, über Giftfabriken und mutige Gewerkschafterinnen, Sexismus und Rassismus in der Modewelt und die Frage nach Alternativen.

Hoskins glaubt nicht, dass Appelle oder freiwillige Sozialstandards die Industrie wirklich verändern können. Die Ausbeutung hat System, der Kapitalismus ist schuld. Ihr dauerndes Pochen darauf wirkt etwas ermüdend, aber natürlich hat Hoskins recht: Die Bekleidungsindustrie ist eine Branche, in der sich der Kapitalismus noch so roh und brutal zeigt wie zu Karl Marx’ Zeiten.

«Fast Fashion», Textilmuseum St. Gallen, www.textilmuseum.ch. Bis 5. Juni 2017.

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