$uicideboy$ : «Man sollte uns nicht einfach in die Rapschublade stecken»

Nr.  37 –

Kaputter Hip-Hop aus einem kaputten Land: In den Texten von Ruby Da Cherry und Slick Sloth, den $uicideboy$ aus New Orleans, spiegelt sich ungeschönt die Perspektivlosigkeit ihrer Generation.

Man kann sich an diesem Berliner Sommerabend ein ziemlich genaues Bild davon machen, wie sie aussieht, die aktuelle, junge Hip-Hop-Szene. Vor dem Eingang des «Festsaals Kreuzberg» warten rund 900 Menschen, etwa zwei Drittel davon männlich, die meisten tragen subkulturelle Insignien an ihren Körpern: Tattoos, vom Hals bis ins Gesicht reichend, grosse Löcher in den Ohrläppchen, gefärbte Haare, auf den T-Shirts die Aufschrift «Hate» oder «Negative Mental Attitude».

Hip-Hop? Viele der jungen Leute hier – die meisten zwischen fünfzehn und dreissig Jahren – könnten auch als Streetpunks durchgehen.

Das passt gut zu der Band, auf die sie alle warten: Denn die $uicideboy$, ein Duo aus New Orleans, werden zwar meist als Hip-Hop-Band eingeordnet, haben ihre Wurzeln aber genauso im Punk. «Wir wollen nicht als Rapper bezeichnet werden», sagt Ruby Da Cherry, einer der beiden Musiker, kurz vor dem Auftritt im Gespräch. «Wir sind sicher von Hip-Hop und Trap inspiriert. Aber für mich waren die Misfits und The Clash zum Beispiel auch sehr wichtig – deshalb sollte man uns nicht einfach in die Rapschublade stecken.»

Nirvana im Blut

Dass ihnen diese Schublade zu eng ist, kann verstehen, wer den Sound der $uicideboy$ hört. Da sind zwar auf der einen Seite die für den Südstaaten-Hip-Hop typischen wuchtigen Beats in Kombination mit verspielten, hohen Synthesizerläufen und einem Stakkatosprechgesang. Da sind aber auch Textzeilen, die sich auf die Grunge-Ära beziehen, etwa in ihrem Song «Magazine»: «Kurt Cobain veins, opium in my chest», rappt Slick Sloth, der zweite Sänger der $uicideboy$, darin. Nirvana, so sagt er im Gespräch, seien für ihn prägend gewesen.

Die $uicideboy$, die sich 2014 gründeten und bislang fast ausschliesslich Stücke im Netz veröffentlicht haben, sind ein gutes Beispiel dafür, wie sich Rap insbesondere in den Südstaaten der USA immer mehr ausdifferenziert hat. Rockgenres wie Grunge, Punk, Metal, Hardcore und Emo sind in den vergangenen Jahren stilistisch eingeflossen.

Xanax und Konsorten

Auch inhaltlich gibt es Differenzen zum Mainstream-Hip-Hop: Bands wie die $uicideboy$ kommen weniger breitbeinig, machohaft oder an Statussymbolen orientiert daher, als dies im Rap immer noch häufig der Fall ist. «Manche Leute haben die Vorstellung, dass es im Leben nur um das Überleben des Stärkeren geht», sagt Ruby Da Cherry in Bezug auf diese Musikerkollegen. «Ich denke, dass das Unsinn ist. Jeder hat Momente, in denen er schwach ist.»

Von seinen Schwächen berichtet auch Slick Sloth im Gespräch. So helfe ihm die Musik, sich mit seiner Drogen- und Medikamentensucht auseinanderzusetzen: «Lange wollte ich über mein Drogenproblem mit niemandem reden, jetzt spreche ich es an, auch in unseren Songs.» Der Musiker – blinkende Goldzähne, wasserstoffblonde Rastazöpfe und wie sein Bandkollege Ende zwanzig – erzählt von seiner Adoleszenz: «Ich kam mit dem Aufwachsen und den Erwartungen, die an mich gestellt wurden, nicht klar … also seinen Mann zu stehen, sich um seine Familie zu kümmern, solche Dinge. Es fehlte die Zeit, herauszufinden, wer ich selbst eigentlich bin.»

Diese Perspektivlosigkeit verhandelt Slick Sloth in Songs wie «New Chains, Same Shackles», in denen er von Helplines in seiner Anrufliste rappt: «Drug help, mental, suicide / Feel tired, feel dried and you wanna die». Ähnlich düster bis depressiv klingen viele Stücke der $uicideboy$: «Uns haben die abgründigen Themen schon immer mehr angesprochen», sagt Da Cherry. «Ich habe mich immer unwohl gefühlt, wenn ich Pop- und Dancefloorhits hörte. Mir ging es besser, wenn die Balladen von Elliott Smith liefen.»

Anders als etwa bei Stars wie Kendrick Lamar sind die Texte bei den $uicideboy$ und bei vergleichbaren Bands selten dezidiert politisch. Und trotzdem spiegeln sie die Malaise der US-Gesellschaft gut wider. Neben den $uicideboy$ sind da zum Beispiel die Floridarapper Smokepurpp und Lil Peep, in deren Texten und Äusserungen Drogen und Medikamente gegen Angststörungen wie Xanax so selbstverständlich wie Mahlzeiten Erwähnung finden. Harte Drogen sind schichtenübergreifend ein schwerwiegendes Problem in den USA. 2016 gab es rund 60 000 Drogentote, in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl etwa verdoppelt.

Rap aus der Cloud

Gemein haben viele der jungen US-Rapper, dass sie übers Netz und über Soundcloud musikalisch gross wurden. «Cloud Rap» hat man diese Acts deshalb auch schon genannt – mit ihnen füllen die jungen MusikerInnen mittelgrosse Hallen, bevor sie überhaupt ein Album veröffentlicht haben. Zwei der Künstler immerhin, die von diesem neuen Sound der Südstaaten beeinflusst sind, haben gerade ihre Debüts veröffentlicht – und das sehr erfolgreich. Lil Uzi Vert («Luv Is Rage 2») und XXXTentacion («17») sind mit ihrem deepen und oft düsteren Sound aktuell die Nummer eins und zwei der US-Charts.

Ob Da Cherry und Slick Sloth hier mithalten können? Die beiden $uicideboy$ peilen jetzt auch ihr Debütalbum an: «I Don’t Wanna Die in New Orleans» soll es heissen und im Dezember erscheinen.

$uicideboy$ im Netz: www.soundcloud.com/g59, www.g59records.com.