Nr. 05/2017 vom 02.02.2017

Vom Trost der Musik

Von Armin Büttner

«Es ist nicht klar, ob ich jenische Wurzeln habe», sagt Barde Stephan Eicher ganz zu Beginn von «Unerhört jenisch». «Wenn ich mit denen spiele, muss ich ganz schön chrampfen, um auf das Tempo zu kommen.» Die Regisseurinnen Karoline Arn und Martina Rieder haben sich zu den Wurzeln Eichers begeben, die väterlicherseits in Obervaz im Bündner Albulatal liegen.

Während uns Bruder Erich Eicher durch den Stammbaum führt, lernen wir die weitverzweigten Familien Moser und Waser kennen, nichtfahrende jenische Musikerfamilien, auf die vor nicht allzu langer Zeit noch der ärmste Knecht im Dorf herabsah. Sie erzählen von der musikalischen Tradition der Jenischen – von Grossvater zu Vater zu Sohn ohne Notierung weitergegeben –, von der «Medizin», die Musik war und ist, aber auch von den Verletzungen und den Verheerungen der Familien durch den sanktionierten Kinderraub im Rahmen des erst 1972 beendeten «Kinder der Landstrasse»-Programms der Schweizer Stiftung Pro Juventute.

Während der Star Stephan Eicher in «Unerhört jenisch» fast ganz hinter die Erzählungen der Wasers und Mosers zurücktritt, widmet sich der nur auf DVD erhältliche Film «Grenzgänger Ballade» ganz dem ehemaligen bulgarischen Musikpädagogen Stefan Dimitrov, der von seinem Leben erzählt. Nach dem Umbruch von 1989/90 wurden im ganzen ehemaligen Ostblock die Pionierhäuser geschlossen, Kunst war nicht mehr gefragt. Nun arbeits- und perspektivlos, machte sich Dimitrov mit seiner Gadulka, einer nordbulgarischen Streichlaute, auf den Weg in den Westen. Der legale Pfad war für ihn unbezahlbar, so wurde er immer wieder an den Grenzen aufgegriffen und zurückgeschickt.

Heute schlägt er sich legal durch, spielt in den Fussgängerzonen grosser deutscher Städte – am Berliner Holocaust-Denkmal schickt man ihn weg, als er ein trauriges Lied zu Ehren der Opfer spielen will, während sich niemand an den dort aktiven Selfieknipsern stört –, er hat aber auch immer wieder grössere Auftritte mit den Orient-Hippie-Groovern Embryo oder der Balkanband Prosechos. Bei Dimitrov lässt sich, wie bei den Mosers und den Wasers, spüren, welchen Trost Musik bringt, wenn an der Welt nicht viel tröstlich ist.

«Unerhört jenisch» läuft ab 2. Februar 2017 im Kino.

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