Somalia : Heimkehr in den Bürgerkrieg

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Viele der einst geflohenen Somalis sind inzwischen zurückgekommen, um beim Wiederaufbau des Staats zu helfen. Doch vom Frieden ist das ostafrikanische Land noch weit entfernt.

«Ich glaube, dass wir die Angst hinter uns gelassen haben»: Abdullahi Scheich Musa Hassan in seiner Druckerei in Mogadischu.

Durch die Fenster fällt Tageslicht in die Werkhalle, in der zwanzig Menschen konzentriert an Druckereimaschinen arbeiten. «Hier nummerieren wir Bordkarten für eine lokale Fluggesellschaft», sagt der Unternehmer Abdullahi Scheich Musa Hassan. Vor zwei Jahren hat er die Druckerei in der somalischen Hauptstadt Mogadischu gegründet. Dafür kam der 42-Jährige mit seiner Frau und seinen vier Kindern aus London in die alte Heimat zurück – nach zwanzig Jahren im Exil. «Ich möchte Menschen Arbeit geben und beim Wiederaufbau des Landes helfen», sagt er.

Dabei ist Somalia von einem Frieden immer noch weit entfernt. Nach 26 Kriegsjahren verläuft der blutigste Konflikt derzeit zwischen der islamistischen Al-Schabab-Miliz und der Regierung von Präsident Mohamed Abdullahi Mohamed «Farmajo». Das neue Staatsoberhaupt wurde nach vielen Verzögerungen am 8. Februar vom Parlament gewählt.

Ein unbestechlicher Kopf

Farmajo hat wie viele seiner Landsleute neben dem somalischen auch einen US-amerikanischen Pass. Schätzungen zufolge leben fast zwei Millionen der rund zwölf Millionen Somalis im Ausland, inzwischen sind aber RückkehrerInnen in der Wirtschaft und in der Politik allgegenwärtig. Für viele ist die Wahl Farmajos ein Zeichen der Hoffnung. Der neue Präsident gilt als unbestechlicher Kopf. Seine Geschichte von Flucht und Exil teilt er mit vielen im Land. Und auch die Bereitschaft, das eigene Leben zu riskieren, um beim Neuanfang mitzuhelfen.

«Ich glaube, dass wir die Angst hinter uns gelassen haben», sagt Druckereibesitzer Hassan. «Wir haben uns für etwas entschieden, und wenn wir bald unseren letzten Tag erleben, dann ist es eben unser letzter Tag.» Mit zwanzig war der Unternehmer vor dem Bürgerkrieg geflohen, der 1991 mit dem Sturz des Diktators Siad Barre begann. In Britannien nutzte er seine Chancen, studierte und machte einen Master in Verlagswirtschaft. Dann gründete er in London sein erstes Unternehmen, ebenfalls in der Druckindustrie. Seine somalischstämmige Frau lehrte Englisch an einer britischen Universität, und obwohl beide berufstätig sind, hat das Paar vier Kinder. Vor allem Hassan zog es nach Somalia zurück. «Wie sich die Verhältnisse irgendwo auf der Welt entwickeln, hängt immer davon ab, ob es Menschen gibt, die ihr Umfeld zum Guten verändern.» Er möchte einer dieser Menschen sein. Seine Druckerei hat mittlerweile fünfzig Angestellte.

Auch der 41-jährige Journalist Abdikarim Alikaar kam nach zwei Jahrzehnten im Exil vor anderthalb Jahren aus London nach Mogadischu zurück. Seitdem arbeitet er als Redaktor und Moderator beim privaten Radio- und TV-Sender Goobjoog (Augenzeuge). Alikaar wohnt in einem kleinen Zimmer in der Nähe des Senders. Er vermeidet es, in die Stadt zu gehen, jederzeit könnte irgendwo eine Bombe hochgehen, jederzeit könnte er auch gezielt getötet werden. Dabei ist Alikaar in friedlicher Absicht ins Land zurückgekehrt. «Medien können ein Motor für politische Veränderung sein», sagt er.

In Somalia, findet Alikaar, fehle bisher die wichtigste Grundlage für eine Demokratie: eine Bürgergesellschaft. Er setzt darauf, dass die Medien bei deren Aufbau helfen können, indem sie informieren. «Die Menschen hier haben nie erfahren, wozu eine Regierung da ist, sie haben keine Ahnung vom demokratischen System. Sie können es nicht von einer Diktatur unterscheiden.» Leicht fällt Alikaar das Leben in Mogadischu nicht. Somalia ist weltweit eines der gefährlichsten Länder, JournalistInnen werden oft ermordet. Die Täter dürften häufig Kämpfer der Al-Schabab-Miliz sein, die Islamisten dulden in ihrem Herrschaftsbereich nur ihnen genehme politische und religiöse Propaganda. Viele der Morde werden nicht aufgeklärt. Seine Frau und ihre vier Kinder hat Alikaar in London gelassen: «Ich riskiere schon mein eigenes Leben.»

«Man muss optimistisch sein»

In den vergangenen Monaten hat die Al-Schabab-Miliz, die mit al-Kaida verbündet ist, wieder an Einfluss gewonnen – auch weil das Nachbarland Äthiopien wegen innenpolitischer Konflikte viele seiner Soldaten zurückgezogen hat. Diese sollten eigentlich bei der Stabilisierung Somalias helfen, genauso wie eine 22 000 Mann starke Eingreiftruppe der Afrikanischen Union. Berichten zufolge erobern die Islamisten sofort alle Regionen, aus denen die Äthiopier abziehen. Alikaar ist dennoch zuversichtlich. «Andernfalls müsste ich ja wieder wegrennen, wie schon vor zwanzig Jahren.» Doch ihm fällt kein Land mehr ein, in das er fliehen könnte. «Wenn du läufst, so weit es geht, kommst du nach Amerika. Dort triffst du dann auf Donald Trump – und wirst zurückgeschickt.» Alikaar hält kurz inne. Dann sagt er: «Es gibt keine andere Wahl. Man muss optimistisch sein.»