Nr. 11/2017 vom 16.03.2017

«Ein Roman mit fortlaufenden Kapiteln»

In einem Programmschwerpunkt widmet sich die Buchmesse Leipzig Europa und fragt: «Wir in Europa – wofür wollen wir einstehen?»

Von Silvia Süess

«Europa ist nicht etwas, was wir ablehnen können oder befürworten. Wir sind ja schon da. Unsere Länder, Völker, Kulturen, Sprachen, es ist alles vorhanden. Es gibt uns nicht erst seit den Römischen Verträgen von 1957. Wir tragen eine fortlaufende Geschichte mit uns. Wir sind die Story. Das ist Europa. Ein Roman mit fortlaufenden Kapiteln.»

So präsentierte die Journalistin und Autorin Mely Kiyak am Europäischen Schriftstellerkongress vergangenes Jahr in Berlin die Lage von Europa. Die entscheidenden Fragen, die sich daraus ableiten lassen, sind: Wer erzählt diesen Roman? Wer spricht? Und wer sind «wir»?

Zusammenhalt als Grundidee

Die Buchmesse Leipzig, die vom 23. bis am 26. März stattfindet, diskutiert diese Themenfelder im Programmschwerpunkt «Wir in Europa – wofür wollen wir einstehen?». Kuratiert wird die Diskussions- und Veranstaltungsreihe von der Politologin Esra Küçük. Die 33-Jährige ist Mitglied im Direktorium des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin und leitet dort das Gorki-Forum, das sich mit den Schnittstellen zwischen Kultur, Wissenschaft und Politik beschäftigt. Ausserdem hat Küçük 2010 die «Junge Islam Konferenz» gegründet, ein deutschlandweites Bildungsprojekt, das jungen MuslimInnen eine Stimme geben soll. Stand dort noch das Thema «Was macht das deutsche ‹Wir› aus?» im Zentrum, so dreht sich in ihrem aktuellen Programm von Leipzig nun alles um die Frage «Was macht das europäische ‹Wir› aus?».

In sechs Salongesprächen soll über das omnipräsente «Europa der Krise» hinausgedacht werden, das die Diskussionen und Artikel rund um Europa oft dominiert – sei es die Finanzwirtschaftskrise von 2008, die Europakrise ab 2010, das griechische Drama, die gescheiterte Flüchtlingspolitik, der Brexit oder der Aufmarsch der RechtspopulistInnen auf dem ganzen Kontinent. Die Diskussionen in Leipzig werden sich nun aber um die konstruktive und zukunftsweisende Frage drehen, welche Gesellschaft wir in Anbetracht der aktuellen Herausforderungen sein wollen und wie der Zusammenhalt Europas wieder gestärkt werden könnte. Immerhin war dieser Zusammenhalt einst die Grundidee einer Europäischen Gemeinschaft: Die wirtschaftliche und politische Vereinigung der europäischen Länder sollte den dauerhaften Frieden sichern und nach dem Zweiten Weltkrieg weitere Zivilisationsbrüche verhindern.

Über die grossen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die ihre Mutter alle miterlebte, schreibt Natascha Wodin im Buch «Sie kam aus Mariupol» (vgl. «Auf den Spuren der toten Mutter»). Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete ihre aus der Ukraine stammende Mutter als «Ostarbeiterin» in einer deutschen Waffenfabrik. Nach dem Krieg blieb sie in Deutschland, und ihre Tochter lernte, «dass ich zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war». Dieser Satz ist heute, ein halbes Jahrhundert später, wieder erschreckend aktuell. Denn auch im geeinten Europa haben längst nicht alle Menschen die gleichen Rechte und dieselben Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben.

Vergessene Stimmen

Während sich Europa nach innen immer mehr spaltet und die einzelnen Länder sich um Deutungshoheiten, Geld und um Flüchtlingskontingente streiten, gibt sich «Europa» nach aussen gern als homogene Einheit – gerade wenn es um die Abgrenzung zu arabischen Ländern geht. Wie falsch und ignorant dieser «Kampf der Kulturen» ist, zeigt Mathias Énard in seinem Roman «Kompass» (vgl. «Den Osten nicht aus den Augen verlieren»), in dem er anhand von Erzählungen und Anekdoten aufzeigt, wie der «Orient» und der «Westen» sich seit Jahrtausenden durchdringen und gegenseitig beeinflussen. Sein Buch kann als Plädoyer für ein offenes Europa gelesen werden, in dem auch Geschichten gehört werden, die sonst meist vergessen gehen.

«Wer sind wir und wer gehört dazu? Strategien im Ringen um gesellschaftlichen Wandel in Europa» – so lautet der Titel eines Salongesprächs in Leipzig, an dem die Migrationsforscherin Naika Foroutan, der Autor und Soziologe Mark Terkessidis sowie der Autor und Musiker Thomas Meinecke diskutieren. Denn die europäischen Gesellschaften verändern sich und werden vielfältiger. Deswegen ist es entscheidend, dass auch die Stimmen, die den Roman Europa erzählen, vielfältig sind.

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