Nr. 15/2017 vom 13.04.2017

Anschreien gegen das Puppentheater

Von David HunzikerMail an AutorIn

Es wird nun manchmal behauptet, Donald Trump mache nebenher auch gleich noch die Protestmusik und vor allem den Punk «great again». Nach dem Motto: Aktion gleich Reaktion. «That’s so fucking bullshit!», entgegnet GL Jaguar, Gitarrist der Priests. Schliesslich sang Katie Alice Greer, Sängerin und Kopf der Band, schon vor Jahren: «Barack Obama hat etwas in mir getötet, dafür kriege ich ihn.» Trotzdem fühlt es sich passend an, dass die Priests ihr Debüt «Nothing Feels Natural» genau jetzt veröffentlichen, in dieser Phase der Unsicherheit.

Die Priests brauchen keine Feinde, um great zu sein, das haben sie von sich aus geschafft mit ihren stürmischen Shows im wieder erstarkten Hardcore-Underground von Washington D. C. Der Obama-Rant kam dann auf die erste EP «Bodies and Control and Money and Power» (2014). Zu wütendem Punkgeschrammel schrie Greer dort dagegen an, dass alles «so right wing» sei, und auch auf «Nothing Feels Natural» wird Makropolitik höchstens angedeutet, als Kulisse alltäglicher Entfremdung – etwa in «Pink White House», wo sich die Priests über demokratische Wahlen als Puppentheater mit gefühlter Teilnahme auslassen. Doch einen Aufruf zum queerfeministischen Sturm aufs Zentrum der Macht sucht man vergeblich. Die Priests distanzieren sich auch explizit vom Hype um einen neuen «feministischen Hardcore». Erfolg durch Kommodifizierung einer politischen Subkultur sei ihnen zuwider.

Diese Strenge ziehen die Priests durch: von der ökonomischen Kontrolle über ein eigenes Label bis zu Songwriting und Produktion. Nichts auf diesem über mehrere Jahre entstandenen Album wirkt zufällig. Während Greer mit ihrem subtilen Gesang das Temperament jedes Songs kalibriert, zeigt die Band, wie guter Postpunk geht: Die lässige Surfgitarre in «JJ», der apokalyptische Noise-Ausbruch mit Free-Jazz-Saxofon in «Appropriate», das elegante Bassriff von «Lelia 20», die hymnische Hookline im Refrain von «Nothing Feels Natural» – das alles wirkt präzise platziert und doch ganz leichtfüssig. Etwa das Gegenteil einer Trump-Rede.

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