Nr. 16/2017 vom 20.04.2017

Zünftig

Stefan Gärtner erklärt das Sechseläuten

Von Stefan Gärtner

Dass ich, seit ich denken kann, Folklore und «Brauchtum» immer verabscheut, ja gehasst habe (Ausnahme: Der Brauch, mir am 24. Dezember Geschenke zu überreichen), ändert natürlich nichts daran, dass auch heuer wieder das sog. Sächseleuten der Zürcher Zünfte stattfindet, das nur Unkundige als «Bonzenfastnacht» verunglimpfen und das überdies, was ja in diesen rasend unsicheren Zeiten immer wichtiger wird, auf eine lange schöne Tradition verweist und allen Gästen die Gewissheit gibt, dass nicht immer alles bloss schlechter wird. Sondern manchmal auch alles so wunderbar bleibt, wie es immer schon war.

Was passiert? Männer aus allen Schichten legen teure Kostüme an und reiten mit Tamtam durch die Stadt, und um Punkt 18 Uhr wird auf dem Sechseläutenplatz eine Strohpuppe entzündet, der sog. Böögg. Je länger er brennt, desto schöner wird naturgemäss der Sommer, der Rekord liegt bei 43 Minuten, 34 Sekunden. Um sich vor dem Klimawandel nicht zu blamieren, wird erwogen, den Böögg per Gasleitung für eine Woche in Brand zu halten.

Wo kommt es her? Das «Sächsilüüte» ist zum ersten Mal für das Jahr 1525 belegt, als der Sachse Hannes Winter das Zürcher Zunftmitglied Reto Däumli auf der Strasse nach einer «billig pension mit umsonsst speiss und tranck» fragt. Däumli trommelt sofort seine Kollegen von der Gastwirts-«Zunft zur Meisen» zusammen, um dem frechen Sachsen heimzuleuchten bzw. «den elend Winter zu vertreyben»; der kann sich denn auch nur mit Mühe und Not retten. Sein bei der Flucht verlorenes Bündel wird in Brand gesteckt, freilich erst, nachdem die Wertsachen entfernt sind – kein Wunder, dass sich das liberale, weltoffene Zürich dieser seiner Tradition der rauen, aber herzlichen Gastfreundschaft jeden Frühling gern erinnert!

Was soll es heute? Wie jeder Brauch soll zuerst einmal jedes Jahr etwas wiederkehren, ohne dass es dafür einen guten Grund gibt. Dinge zu tun, nur weil sie im Kalender stehen, hält die Gesellschaft zusammen und vermittelt das wohlige Gefühl der Unentrinnbarkeit, wie es im Zunftwesen zum Ausdruck drängt. Früher durfte kein Handwerk ausserhalb der Zünfte betrieben werden, heute werden Geschäfte beim zunftinternen Saufen besprochen, um das heimatliche Gewerbe zu schützen und Sachsen, Schwaben und andere Hungerleider nicht auf dumme Gedanken kommen zu lassen.

Welche Vorurteile gibt es gegenüber den Zünften? Eines der hartnäckigsten besagt, dass sich in den modernen Zünften Männer ab achtzehn mit Freude an Geselligkeit und Kameradschaft treffen, mit keiner weiteren Absicht, als pro Jahr mehrere Hundert Franken Mitgliedsbeitrag plus evtl. fünfstellige «Eintrittsgeschenke» zu zahlen und noch einmal 2000 Stutz für das Sächsilüüte-Kostüm auszugeben. Ein anderes will wissen, dass in den Zünften keine Frauen zugelassen sind, weil man sich in Anwesenheit von Frauen ganz anders über Frauen unterhalte als in deren Abwesenheit.

Welches war das denkwürdigste Sächseleuten aller Zeiten? 1873, so Wikipedia, wollten die Zöglinge der Zürcher Blinden- und Taubstummenanstalt eine aus alten Kleidern und Stroh gebastelte Figur im Angesicht ihres Direktors verbrennen. Durch eine bedauerliche Verwechslung geriet das Feuer an die falsche Stelle, sodass die Anstalt bis ins 20. Jahrhundert hinein von Herrn Dr. Böögg geführt werden musste.

Und welches gilt als das schlimmste? Immer das nächste!

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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