Nr. 17/2017 vom 27.04.2017

Tausend Wochen «Wochenblatt»

In St. Gallen stellt eine handgedruckte Zeitung einen imaginären Raum zwischen Aktivismus, Satire und ’Pataphysik her.

Von Michael Felix Grieder

«Wochenblatt»

Es braucht sie in der Gesellschaft, die anderen Räume, die Gegenorte, sonst nehmen Spionage und Polizeigeist den Platz des Abenteuers und der Piraten ein, so Michel Foucault 1967. An solchen Gegenorten wird ein Verhalten ritualisiert, das von der gesellschaftlichen Norm abweicht. Auf das Point-Jaune-Museum von Martin Amstutz im St. Galler Linsebühl passt diese Beschreibung perfekt. Zum 1000. Mal entstand hier am Mittwoch ein «Wochenblatt».

Das Point Jaune in der alten Quartierpost ist zuerst einmal eine zeitlose Druckerei. Auf einer Asbern-Abzugspresse von 1969 entsteht hier in gutenbergschem Handsatz das «Wochenblatt», eine Einblattzeitung auf der Schwelle von Surrealismus, Politik, Satire, Aktivismus und Kunst. Handfest gedruckt wurden bisher 57 Stück in einer nummerierten Auflage von mittlerweile je 169 Drucken. Es wird aber auch in Wochen produziert, in denen die Presse ruht oder originalgrafische Plakate (etwa für die Hauskapelle Café Deseado oder die Jungen Grünen) gedruckt werden. Die nicht gedruckten Exemplare sind bei der allmittwochabendlichen Museumsnacht gestaltete Makulaturen. Auf dem Hintergrund dicker Mengen von Druckfarben werden so Zeitzeugnisse erschaffen, die vom Stadtleben oder von anderen imaginären Orten erzählen.

Unschweizerische Opulenz

Die Vernissage der 1000. Ausgabe wurde zu einem sehr typischen Abend in der alten Post. Es wurde angeregt diskutiert, gegessen, getrunken, geraucht, daneben wühlten sich die Gäste durch die vier Stapel mit je 250 Wochenblättern: wilde künstlerische Collagen unterschiedlichster Art, die grüne Katzen zeigen oder, wie jetzt auf der 1000. Ausgabe, das Modell eines Bandoneonblasbalgs. Stickers, Tags, Filzstiftstudien und Zeitungsausschnitte tragen zu urbanen Kunstwerken bei.

Einen anderen Charakter haben die gedruckten «Wochenblätter». Diese seien typografische Arbeiten, die sich deutlich von der funktionalistisch-aseptischen helvetischen Typografie abhöben, meinte der Schriftenentwerfer Frantisek Storm in der tschechischen Literaturzeitschrift «Revolver Revue» 2009 über Amstutz’ Werk. Auch Marc Berger von der ostdeutschen Edition Schwarzdruck würdigt anlässlich einer aktuellen Ausstellung der «Wochenblätter» in der Eremitage Gransee die Arbeit des Kollegen: Dieser erschaffe auf «eigen-artige und einzig-artige» Weise eine «geradezu barocke Opulenz». Berger attestiert dem «Wochenblatt» eine «total unschweizerische, gewissermassen ‹ausser-ordentliche› Sinnlichkeit»: «So frei mit typografischer Gestaltung umgehen können häufig nur Leute, die nicht durch eine klassische Ausbildung zum Setzer oder Typografen auf übliche Gestaltungsgrundsätze getrimmt und oft auch verklemmt worden sind.»

Angewandte ’Pataphysik

Amstutz gründete das Point-Jaune-Museum 1994 mit den inzwischen verstorbenen Künstlern Sven Hebel und Steff Schwald. Er interessiert sich aufgrund der Stadtpolitik gegen autonome Räume seit den Achtzigern für die Erfindung imaginärer Räume. Einmal erschaffen, seien sie nicht minder real. Das verbindet seine Arbeit mit der ’Pataphysik, die laut ihrem Begründer Alfred Jarry die Metaphysik übersteigt wie diese die Physik. Schriftsteller und Künstler von Boris Vian über Marcel Duchamp bis Umberto Eco hingen ihr an. Es geht dabei um künstlerische Parallelwelten und wissenschaftliche Studien absurder Art. Das Point Jaune etwa hat Jarrys letzte Worte – «Man gebe mir einen Zahnstocher!» – in einer Kollaboration mit Tania Lorandi vom italienischen Collage de ’Pataphysique erforscht. Der Aufenthalt des Boxerdichters Arthur Cravan im Internat auf dem St. Galler Rosenberg wurde mit Bastiaan van der Velden vom Pariser Collège durchleuchtet.

Die Ergebnisse der ’pataphysischen Forschungen in der alten Post – Amstutz spricht von einem «Postpostismus» – sind immer wieder Thema im «Wochenblatt». Über die Wochen und Jahre hat das anachronistische Medium so einen imaginären Raum voller wuchernder Geschichten und von beachtlicher Materialität geschaffen. Der neusten Ausgabe kann entnommen werden: Es geht weiter mit der angewandten ’Pataphysik.

Das «Wochenblatt» kann abonniert werden unter www.postpost.ch.

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