Nr. 18/2017 vom 04.05.2017

Pistolen und Kruzifixe

Von Georg Gatsas

Kendrick Lamar ist seit Karfreitag zurück: «Damn.» heisst sein neues Album und ist ein weiterer grosser Wurf des mittlerweile wichtigsten Rappers der Gegenwart. Während sein viel gepriesenes 2015er-Werk «To Pimp a Butterfly» sich mit dem systematischen Rassismus innerhalb und ausserhalb der Musikindustrie auseinandersetzte und die Single «Alright» zur Hymne der «Black Lives Matter»-Bewegung wurde, zeigt er sich mit seinem neusten Streich wieder vermehrt als Battle-Rapper, der zu sich selbst zurückgeht, zu den persönlichen Fragen und zu den Kämpfen, die er mit sich selbst austrägt.

«It was always me versus the world until I found out it was me versus me», hört man in «Duckworth.» eine Stimme aus dem Off singen. Es ist der letzte Track auf dem Album, erst mit ihm bekommen die vorangegangenen dreizehn Stücke ihre Bestimmung. Lamar erzählt im Song, wie sein Label-Boss Anthony «Top Dawg» Tiffith einst beinahe seinen Vater «Ducky» bei einem Raubüberfall erschossen hätte: In äusserst klugem Storytelling – und mithilfe der New Yorker DJ- und Mix-Legende Kid Capri – verwebt er die Vergangenheit mit der Gegenwart, um am Ende die Frage zu stellen, was passiert wäre, wenn die Geschichte blutig ausgegangen wäre: Er antwortet mit einem Pistolenschuss und lässt die Platte im Schnelldurchgang wieder an den Anfang – zum Intro namens «Blood.» – zurückspulen, wo wiederum Lamar auf offener Strasse von einer blinden Frau erschossen wird.

Dass «Damn.» gerade am Tag des Kreuzestodes Jesu Christi erscheint, ist kein Zufall. Die christlichen und religiösen Motive, die Lamars Welt- und Selbstbild bestimmen, kommen offener und öfter als auf den Vorgängeralben zur Sprache. So macht er sich im Laufe des Albums – begleitet von R’n’B-, Soul- und Hip-Hop-Klängen – zu Moses, zum Propheten, zum Sünder und Geläuterten, ja gar zu Jesus. Und diese Widersprüche finden sich auch in den Beats und Instrumentals des neuen Albums: Weitgehend verschwunden sind die Free-Jazz-Einflüsse des Vorgängeralbums, die Musik ist bewusst reduziert und völlig in der Gegenwart zu verorten, hat dafür aber umso grössere Wirkung und betont Kendricks innere Zerrissenheit. Und Kendrick selbst? So ausgeklügelt, so abwechslungsreich und so schnell hat man ihn auf den bisherigen Alben noch nicht rappen gehört.

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