Nr. 48/2018 vom 29.11.2018

Alles gerät ins Rutschen

Das Gerücht wird zur Gewissheit: Jazz ist zurück. Er wird jünger, weiblicher, politischer. Beispiele aus Los Angeles, Chicago, Berlin, London – und Zürich.

Von Tobi Müller

Krach, spätjugendlicher Überdruck, Komplexität: Das Trio Heinz Herbert. Foto: Roland Owsnitzki

Er habe Angst, dass ihm das Publikum wegsterbe, sagte ein Spitzenmusiker des Schweizer Jazz im privaten Gespräch. Das war vor gut vier Jahren, er war damals noch keine vierzig. Nichts gegen ältere Jazzfans. Doch bei aller Vorsicht: Es macht einen Unterschied, wenn der Musiker mit zwanzig Jahren Abstand der Jüngste im Saal ist und der Veranstalter das Publikum immer etwas zu lang begrüsst.

Anfang November, Berlin. Drei Endzwanziger mit langen Haaren vor dem Gesicht spielen krachigen, elektronisch erweiterten und treibenden Jazz. Piano und Synthesizer, Gitarre, Schlagzeug: Sie heissen Trio Heinz Herbert, obwohl der Name in keinem der Schweizer Pässe steht. Es ist ein ironischer Hipstername – klingt nach Volksmusik oder Hotelbar und meint das Gegenteil. Das Zürcher Trio steckt das Publikum beim Jazzfest Berlin denn auch nicht mit Ironie, sondern mit wilder Intensität in den Sack. Mit dem neuen Album hat der psychedelische, fast punkige Bühnenritt wenig zu tun: «Yes» klingt tastender, ruhiger, ohne Angst vor Lärm zu haben.

Wie Hendrix auf Speed

Herbert-Drummer Mario Hänni ist beim Konzert nicht auf der Bühne, weil er gerade mit Sophie Hunger tourt. Da gibt es keine Berührungsängste zwischen Jazz und Pop. Für Hänni spielt der Berliner Moritz Baumgärtner, auch er ein entzündeter Alleskönner. Die Begleitung aus der Branche sagt: «Der hat einfach immer Bock, zu spielen.» Das ist nicht zu übersehen. Jazz erlebt zurzeit eine Art kollektiven Orgasmus. Eine Tür weiter beim Jazzfest zerlegt der junge französische Gitarrist Julien Desprez mit seinem neuen Trio Abacaxi und mit vielen Fusspedalen jedes Stück in Splitter, Schreie, Stottern. Es klingt, als flackere Jimi Hendrix als Hologramm im Raum. Auf Speed statt auf LSD. Irre.

Man trägt enge Jeans, Schnauz und zerschlissene, zartfarbene T-Shirts. Jazz ist nicht tot, er sieht nur anders aus. Und Jazz schafft es wieder, sperrige Musik mit coolen Gesten zu paaren. Ohne Anbiederung, ohne gechillte Beats oder anderen Beruhigungskram. Das Trio Heinz Herbert oder Julien Desprez verbinden vieles mühelos: Krach, spätjugendlichen Überdruck, Komplexität.

Schon etwas länger in Bewegung kommen die Geschlechterverhältnisse, auch wegen EU-Initiativen wie «Keychange», die bis 2022 Geschlechtergleichheit bei Musikfestivals erreichen will. Im Zentrum des 55. Jazzfests Berlin, einem der wichtigsten Jazztermine in Europa, standen im November viele Frauen; gleich mehrmals traten die afrofuturistische Flötistin und Bandleaderin Nicole Mitchell sowie die Gitarristin Mary Halvorson auf. Es hilft, dass mit Nadin Deventer erstmals seit der Gründung 1964 eine Frau das Festival leitet.

Bevor man dem Argument folgt, nur Frauen würden Frauen ins Programm nehmen, sei an das Zürcher Festival Unerhört erinnert. Hier sind zurzeit einige Musikerinnen zu sehen, obwohl die Kollektivleitung aus – richtig gezählt? – sechs Männern besteht. Irène Schweizer firmiert unter «Ehrenmitglied». Vielleicht liesse sich auch im Nicht-EU-Land eine Frau ins reguläre Leitungsteam berufen? Wo der Jazz jünger und auch weiblicher wird, kippt er deswegen selten in Gefälligkeit. Im Gegenteil, viele der neuen Szenen suchen die experimentelle, manche auch die politisierte Tradition der sechziger und siebziger Jahre. Letzteres vor allem in den USA.

Archäologie war gestern

Der lauteste Knall kam aus Kalifornien. Im März 2015 erschien «To Pimp a Butterfly» von Kendrick Lamar, dem wohl einflussreichsten Rapkünstler der Gegenwart. Das Album platzte schier vor afroamerikanischer Selbstreflexion, vor Wut, Spass – und vor Jazz! Wann gab es das zum letzten Mal im Hip-Hop: eine lange Liste von (Jazz-)Musikern, die nicht als Quelle der Samples, sondern als Kollaborateure erwähnt werden?

Der Tenorist Kamasi Washington hat für Lamar die Streicher arrangiert, füllt in unseren Breiten Tausenderhallen und erregt mit seinem spirituellen, wuchtigen Bandsound auch die Aufmerksamkeit von Popzeitschriften. Manche JazzfreundInnen verstehen das höchstens halb, weil Washington als Solist sehr okay, aber nicht eben bahnbrechend ist. Der Popblick hilft weiter: Washington verbindet komplexe Harmonien mit einfachen Grooves, und er steht für ein leicht bekifftes politisches Bewusstsein. Das ist mehr, als Jazz in den letzten Jahrzehnten transportieren konnte.

Im Gespräch sagt Washington: «Jazz hatte sich in der Industrie verirrt und wurde dieses historische Relikt, Jazz war Archäologie, du musstest Meisterschaft erlangen über die Musik anderer Komponisten. Nun sehen die Leute, dass die Musikindustrie unrecht hatte mit dem ganzen formatierten Kram.» Die Zeit, in der man Jazz als Archiv von Standards betrachtete, das man sanft belüftet, ist wohl vorbei.

Washington ist nur der berühmteste der jüngeren Jazzer aus Los Angeles. Viel zu reden gibt auch der Keyboarder und Saxofonist Terrace Martin, der die aktuelle Band von Herbie Hancock leitet, deren letzte Tournee das Publikum auch in Europa mitriss. Der Weg der ehemaligen Hip-Hop- oder Gangkids in den Jazzolymp ist auch ein Sieg über die Politik von Ronald Reagan, in dessen Regierungszeit in den achtziger Jahren die Instrumente aus den Schulen rausgekürzt wurden, wie Washington erzählt: «Wir hatten gerade mal Blockflöten.» Washingtons Vater ist Musiker, so kam er bald an eine Klarinette. Später haben Stipendien und Förderprogramme gezielt auch benachteiligte Jugendliche in den Blick genommen. So eine Szene entsteht nicht von alleine.

Die Bewegung Black Lives Matter trägt in den USA seit zweieinhalb Jahren viel zur Repolitisierung des Jazz bei. Mit Beyoncé trug Black Lives Matter den Protest gegen rassistische Polizeigewalt bis in die beste Sendezeit des Super Bowl, des Pokalspiels im American Football. Kamasi Washington weist darauf hin, dass Rassismus nie erledigt war, sondern nur unterschiedliche Aggregatzustände annahm: «Rassismus ist wie Wasser, Dunst oder Eis. Als Obama Präsident wurde, wurde Rassismus gasförmig, es wurde schwieriger, offen zu seinem Rassismus zu stehen. Trump hat das Gas wieder angezündet.»

Washington ist ein schwerer Mann von 37 Jahren mit einer leisen Stimme. Aber auf seinem im Sommer erschienenen Fünf-LP-Album «Heaven and Earth» geht es laut zur Sache. In «Fists of Fury» singt die Sängerin Patrice Quinn im Duett mit Dwight Trible: «Our time as victims is over / We will no longer ask for justice / Instead, we will take our retribution.» Man sei kein Opfer mehr und möchte, wenn nicht Vergeltung, dann Reparationszahlungen für die rassistische Geschichte – wie es Ta-Nehisi Coates vorschlägt? Ganz so konkret versteht es Washington dann doch nicht: «Wir müssen begreifen, dass uns Gerechtigkeit nicht geschenkt wird. Rassismus zerstört schwarze Leben und weisse Seelen, er ist für alle Seiten furchtbar.»

Politik heisst auch Ästhetik

Die Verdichtung an der US-Westküste ist erstaunlich, aber kein geografischer Einzelfall. Sie ist auch in anderen Städten der USA und in Europa zu beobachten. Nicht erstaunlich ist sie in Chicago, einer Stadt, in der afroamerikanische Musiktradition härter und politischer tradiert wird als anderswo, sei es Blues, Disco, House oder eben Jazz. Hier wurde 1965 die Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) gegründet, das Art Ensemble of Chicago ist in immer neuen Formationen bis heute der berühmteste Zweig der AACM. Politik hiess und heisst da stets auch Ästhetik; der Versuch, auf nichtwestliche Traditionen im Jazz hinzuweisen, andere Instrumente hinzuzuziehen; die Improvisation auf der Bühne als Ritual zu begreifen. Nicht umsonst singt bei Nicole Mitchell ein Gospelsänger mit, der ausser sich gerät, als stünde Pfingsten vor der Tür.

Die weisse Trompeterin Jaimie Branch, 1983 in Brooklyn geboren und als Teenager nach Chicago gezogen, steckt im schwarzen Trainingsanzug und bewegt sich nervös wie eine Hip-Hopperin. Passiert gleich etwas, hat sie einen im Tee, wie ist die denn drauf? Auch das sind Popfragen, die man nun auch im Jazz wieder stellt – Musik, die nicht tot ist, ist mehr als nur Musik. Erst spielt Branch nur kurze Phrasen, hört zu und hibbelt herum. Es ist unklar, ob es sich um eine Übung in Achtsamkeit handelt oder umgekehrt: um ein Aufmerksamkeitsdefizit. Wichtig ist: Das Publikum sieht zu, wie etwas Unvorhersehbares entsteht, als Unterbrechung der Normalzeit und des Normalfalls. Die Jazzpest, erst das Thema, dann die Soli runterzunudeln, ist bei Branch ausgerottet.

Wo peinlicher Sexismus wütet

Viele Frauen, viele Jüngere: Ist die alte Herrenriege also ein Phantom, welches das am Rand des Prekären vegetierende Genre gegen alles Neue abriegelt? Nur zum Teil. Kritiker nannten Nadin Deventer, die neue Leiterin des Berliner Jazzfests, mit 41 Jahren «unerfahren». Richard Williams, ihr Vorgänger, hatte noch nie ein Festival gemacht, bevor er mit 67 Jahren übernahm. Joachim-Ernst Berendt war 42 Jahre alt, als er 1964 die Jazztage lancierte. In manchen Überschriften von Blogs wütete peinlicher Sexismus. Deventer sagt: «Mein Privileg ist, dass ich ein grosses internationales Netzwerk habe. Ohne diese Musikerinnen und Musiker, Veranstalter und Journalisten im Rücken zu wissen, hätte ich den Job gar nicht angenommen.» Die führende US-Jazzzeitschrift «Downbeat» brachte eine Hymne auf das Jazzfest – von einer Frau geschrieben.

Die internationalen Netze verändern auch die Musik selbst. Der 34-jährige Schlagzeuger Makaya McCraven, in Paris geboren und in Massachusetts aufgewachsen, hat mit «Universal Beings» ein im besten Sinn internationales Album veröffentlicht. McCraven nahm mit unterschiedlichen Bands auf – mal in seiner neuen Heimatstadt Chicago, dann in Los Angeles, New York und London, unter anderem mit Shabaka Hutchings, der beim «Unerhört» in Zürich solo spielt. Dann zog sich McCraven an den Computer zurück und bearbeitete die Aufnahmen wie ein Hip-Hop-Produzent. Das Resultat ist ein Hybrid, der vieles zeigt, was den neuen Jazz ausmacht: Die Spuren der Stimmen und ihrer Städte bleiben hörbar, aber alles gerät ins Rutschen – Groove, Improvisation, Kollektiv, Einzelstimme.

Jazz der Marke McCraven macht sich selbst von Zwängen der Free Music frei. Das ist vielleicht die Messlatte jeder Musik, die von Freiheit erzählen will. Die Politik kehrt dabei fast altmodisch zurück, mit Spoken-Word-Einlagen, die von Geschichte und Gentrifizierung erzählen.

Das Trio Heinz Herbert und Shabaka Hutchings Solo am Unerhört-Festival in Zürich: Freitag, 30. November 2018, 19.30 Uhr, Rote Fabrik.

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