Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

Der Gipfel

Vor kurzem noch hiess es: Einen Gipfel nach einer Person zu benennen, sei sinnlos. Da ging es noch um einen schwarzen Sklaven. Jetzt aber denkt man in Grindelwald plötzlich an ein Ueli-Steck-Horn.

Von Adrian Riklin

Es schien, als wäre an diesem 30. April 2017 am Nuptse unweit des Mount Everest ein Nationalheiliger von uns gegangen. Kaum ein publizistisches Erzeugnis (Staatssender inklusive), das nicht stunden- oder seitenlang das heroische Leben des Extrembergsteigers Ueli Steck würdigte; kaum eine Stimme, die seine Gipfelstürmerei nicht in rekorderfüllte Spiritualität hochsteigen liess. Und wehe dem Nichtalpinisten, der es – wie Jean-Martin Büttner im «Tages-Anzeiger» – wagt, den Gottesdienst zu stören. Nicht auszumalen, was dereinst passieren würde, wenn selbst Bernhard Russi einmal sterben sollte.

Agassiz bleibt unangetastet

Nichts gegen Steck. Sondern vielmehr gegen die Heiligsprechung einer besonders prekären Hochleistungsmoral. Die Verneigung gegenüber dem Kletterer aus Ringgenberg bei Interlaken jedenfalls reicht tief: Noch bevor die Leiche der «Swiss Machine» am 4. Mai buddhistisch korrekt in einem Kloster in Nepal eingeäschert und bestattet wurde, beschloss der Gemeinderat Grindelwald einstimmig, dem Verstorbenen ein Denkmal zu setzen – zum Beispiel, indem das grösste der «Eiger-Hörnli» nach ihm benannt werden würde.

Das allein wäre nachvollziehbar. Nun aber erhebt sich unweit dieses Horns ein noch höheres, das mit dem Namen eines Rassisten geschmückt ist: das «Agassiz-Horn» – unangetastet bis heute. Und das, obwohl die für die Namensgebung mit zuständige Gemeinde Grindelwald längst über die Machenschaften des Rassentheoretikers und Gletscherforschers Louis Agassiz (1807–1873) Bescheid weiss. Seit Jahren nämlich setzt sich das Komitee Démonter Louis Agassiz mit Aktionen, Texten und Ausstellungen für eine angemessene Demontage ein. Gegenüber der Gemeinde Grindelwald schlug das Komitee bereits 2007 vor, den Gipfel in «Rentyhorn» umzubenennen – im Gedenken an einen der schwarzen Sklaven, die Agassiz als Exempel für seine Theorie herangezogen hatte, nach der Schwarze eine «verderbte und entartete Rasse» seien. Nachdem sich Grindelwald gegen einen Namenswechsel ausgesprochen hatte, arbeitete das Komitee daran, dass wenigstens ein unbenanntes Horn nach Renty benannt wird. Doch auch das wollte Grindelwald nicht. Dafür nun aber ein Steck-Horn?

«Sobald es um die Würdigung eines weissen, schweizerischen Extremalpinisten geht, geht plötzlich alles ganz schnell und werden alle bisherigen Positionen über den Haufen geworfen», kommentiert der Historiker Hans Fässler vom Komitee die neuste Entwicklung. «Geht es aber um einen schwarzen kongolesischen Sklaven, werden zehn Jahre lang alle möglichen und unmöglichen Argumente zusammengesucht, um eine Umbenennung zu verhindern.»

Am 25. Juni 2007 schrieb der damalige Grindelwalder Gemeindepräsident Dres Studer an das Komitee: «Ein Umtaufen des Berges würde (…) hohe Kosten verursachen (…) und zudem zu einer allgemeinen Verunsicherung in der bekannten Namensgebung (Bergführerbücher, Hüttenbücher) führen.» Und im Juli 2010 gab dessen Nachfolger Emanuel Schläppi bekannt: «Auf die Umbenennung des Agassizhorns und die Benennung eines namenlosen Nebenhorns in Rentyhorn wird klar verzichtet, da die Namensgebung nach Personennamen nicht sinnvoll ist, wie der vorliegende Fall zeigt.»

Lieber Rekorde als Menschenrechte

Wenn nun die Namensgebung nach Personennamen plötzlich gar nicht so sinnlos erscheint: Gälte es da nicht die Gunst der Stunde zu nutzen, das Agassiz- in ein Steck-Horn umzuwandeln – und wenigstens ein Hörnli zum Rentyhorn zu ernennen?

Christian Anderegg (SVP), der derzeitige Gemeindepräsident, wiegelt ab: «Das mit dem Ueli-Steck-Horn war nur so eine spontane Idee eines Bergführerkollegen des Verstorbenen. Der Gemeinderat hat einzig beschlossen, dass Steck – wenn es auch die Angehörigen wünschen – ein Denkmal gesetzt wird.» Ein Horn für Steck sei zwar nicht ausgeschlossen, «es kann aber auch nur ein Bänklein oder ein Stein sein».

Und Agassiz, laut dem US-Literaturwissenschaftler Alec Marsh der «einflussreichste wissenschaftliche Rassist des 19. Jahrhunderts»? Das sei schon genug diskutiert, sagt Anderegg. Und überhaupt: «Der Gipfel wurde dem Gletscherforscher gewidmet, nicht dem Rassentheoretiker.» Der Fall sei für ihn erledigt.

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