Nr. 37/2018 vom 13.09.2018

Von Louis Agassiz zu Tilo Frey

Von Kaspar Surber

Es geht also doch: Die Stadt Neuenburg hat entschieden, dass ein zentraler Platz zwischen ihren Universitätsgebäuden nicht länger nach Louis Agassiz (1807–1873) benannt bleibt. Der Schweizer Naturforscher hatte die Menschheit in Rassen eingeteilt und unter diesen eine Rangordnung erstellt. Er forderte auch ihre räumliche Trennung, sprich die Apartheid. Verschiedene Versuche, einen nach Agassiz benannten Berggipfel umzubenennen oder ihm seine Ehrenmitgliedschaft im Schweizerischen Alpen-Club abzuerkennen, scheiterten bisher. Die beharrliche Aufklärungsarbeit des Komitees «Démonter Louis Agassiz» um Historiker Hans Fässler zahlt sich nun in Neuenburg aus. Statt «Espace Louis-Agassiz» heisst der dortige Platz künftig «Espace Tilo-Frey».

FDP-Politikerin Tilo Frey (1923–2008), geboren als Tochter einer Kamerunerin und eines Schweizers, gehörte zu den ersten elf Frauen, die 1971 in den Nationalrat gewählt wurden. Statt auf den Spuren eines Rassisten wandeln die StudentInnen also künftig über einen Platz, der nach der ersten «femme de couleur» im Bundeshaus benannt ist. Kulturwissenschaftlerin Jovita dos Santos Pinto, die sich in ihrer Forschung mit Tilo Frey beschäftigt hat, freut sich: «Es ist meines Wissens der erste Platz in der Schweiz, der nach einer nichtweissen Frau benannt ist.» Sie versteht den Entscheid als Präzedenzfall: «Nichts spricht mehr gegen die Umbenennung von Plätzen, um die Geschichte der Schweiz in ihrer Vielfalt zu repräsentieren.»

Die Biografie von Tilo Frey erzählt beispielhaft, wie stark die Normen des Weissseins in der Schweiz waren und sind. «Bleibe weiss wie eine Lilie», hatte der Vater der kleinen Tilo einst geraten. Frey, die in Neuenburg die höhere Töchterschule leitete, achtete tunlichst auf die Einhaltung von Verhaltensregeln und auf eine perfekte Kleidung. Sie tat dies vermutlich, um Alltagsdiskriminierungen aus dem Weg zu gehen, meint dos Santos Pinto. Bald verschwand Frey aus der kollektiven Erinnerung. Eine nichtweisse Frau als erste Nationalrätin, die konnte es offenbar nicht gegeben haben. Gut, erhält sie nun wieder ihren Platz.

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