Nr. 43/2020 vom 22.10.2020

Codewort: Eistee Pfirsich

Die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel hat ein Buch über ihre Jugend geschrieben, das zugleich eine Hommage an gesellschaftliche Randfiguren ist. Wer Wien verstehen möchte, sollte es unbedingt lesen.

Von Karin Cerny

Eine liebevolle Erinnerung an das freie, wilde, gefährdete Leben: Stefanie Sargnagels erster Roman, «Dicht». Foto: Apollonia Theresa Bitzan

Natürlich kann man sich einen Wien-Reiseführer kaufen, der erklärt, wie morbid diese Stadt ist, wie abgründig bis bösartig der Humor ihrer EinwohnerInnen sein kann, wie weinselig Heurigenlieder klingen. Aber meist stecken in solchen Büchern auch viele Klischees, die wieder und wieder repetiert werden, ohne zu fragen, was sich über die Jahre verändert hat.

Fakt ist, Wien ist eine wachsende Stadt, 2027 wird man wahrscheinlich die Zwei-Millionen-Hürde überspringen, die Mieten steigen, und vieles, was man als typisch betrachtet, liegt gerade in den letzten Zügen. Stichwort Gentrifizierung, die auch die sogenannten Tschocherln betrifft, das sind Lokale, die sich zwar gern Café nennen und eine Speisekarte haben, aber Essen oder einen Latte macchiato bestellt dort ohnehin keiner. Man trifft sich schon am frühen Morgen zum Alkoholtrinken, kennt sich untereinander: Stammgäste only! Tschocherln sind soziale Wärmestuben. Es gibt aber auch Beisln, ein eher allgemeiner Begriff für Kneipen oder Spelunken, und Hittn, das sind sehr kleine Beisln, in denen illegal Drogen verkauft werden.

Literatur von unten

In Stefanie Sargnagels autobiografischem Roman «Dicht» kommen alle drei Typen an Wiener Originallokalen vor. Der Untertitel lautet «Tagebuch einer Tagediebin», und genau darum geht es auch: Sargnagel beschreibt ihre Schulzeit, die sie als Qual erlebt, mit all den «biederen, tyrannischen Wapplern» als Lehrern – ein Schimpfwort für Menschen, die vorgeben, kompetent zu sein, aber völlig unfähig sind. Ihr wahres Leben findet im Park statt, dort hängt sie mit Freundinnen ab, trinkt Bier aus der Dose, trifft auf eine wilde Mischung aus Alkoholikern und Obdachlosen. «Stadtbekannte Verrückte», wie Sargnagel schreibt, Aussenseiter mit schillernden Namen wie der «König von Sudan». Sie besucht Lokale wie das «Café Stadtbahn», wo der Zigarettenrauch so dicht hängt, dass die Augen tränen. Und der Obdachlose Willi regelmässig vorbeikommt, um die mit Speichel vermengten Bierreste der Gäste zu trinken. Lokalbesitzerin Waltraud hat diese für ihn gesammelt.

Man könnte sagen, «Dicht» ist Literatur von unten. Aber ohne penetrant aufklärerischen Impetus, ohne plumpe Sozialkritik. Sargnagel liebt Sonderlinge, sie schaut nicht auf sie herab, sondern ist eine der präzisesten und pointiertesten Beobachterinnen, die es gerade in der österreichischen Literatur zu entdecken gibt. Allein der Titel: «Dicht» ist etwas, wenn es fest verschlossen ist, dicht ist man in Wien aber auch, wenn man betrunken ist. Und irgendwie schwingt das Wort «Dichtung» ja auch mit.

Sargnagel, Jahrgang 1986, aufgewachsen im Arbeiterbezirk Wien-Hernals, in dem viele Gemeindebauten stehen, heisst eigentlich mit bürgerlichem Namen Sprengnagel und wurde mit Facebook-Postings berühmt. In knapper, stets witziger Form kommentierte sie Alltagssituationen («Fitness», 2015; «Statusmeldungen», 2017), ihre Erfahrungen als Angestellte eines Callcenters («Binge Living: Callcenter-Monologe», 2013), aber immer auch soziale Ungerechtigkeiten, politischen Rechtsruck und patriarchale Anmassungen. Bald schon wurde sie deshalb zur Hassprojektionsfläche für rechte und identitäre Gruppierungen, musste einiges einstecken. Sie ist Mitglied der feministischen Burschenschaft Hysteria, die konsequent Rollen und Diskurse umkehrt und fordert, Männer, das schwache Geschlecht, müssten zurück an den Herd. Seit Elfriede Jelinek gibt es keine österreichische Autorin, die dermassen konsequent ihre Finger in schwelende gesellschaftliche Wunden legt.

Lange hat sich Sargnagel der herkömmlichen Romanform verweigert, Splittertexte sind ihre Stärke, kurze Passagen, in denen sich die Absurditäten der Welt widerspiegeln. Sargnagel liebt deftigen Humor, den sie mit feiner Klinge platziert. Sie schätzt Dialektformulierungen, die Poesie der Gossensprache. Diese Mischung aus Derbheit und Eleganz, die es nur in Österreich gibt. Kinder- und Jugendbuchautorin Christine Nöstlinger ist ihr Vorbild sowie der Zeichner Manfred Deix. Mit «Dicht» legt Sargnagel nun tatsächlich eine relativ klassisch erzählte Geschichte vor. Es ist ein schlicht geschriebener Roman, der sich aber auch gar nicht als grosse Literatur wichtigmachen möchte. Der Inhalt ist spannend genug.

Nicht nur schöne Dinge

Das Buch ist ein Wienroman, eine Coming-of-Age-Geschichte und nicht zuletzt eine Hommage an einen prägenden Menschen im Leben der Autorin. Ohne den «Aids Michi», einen schrulligen Alkoholiker, Kleinkriminellen, ehemaligen Sängerknaben und Überlebenskünstler, der mit beeindruckender Leichtigkeit durchs Leben ging, nie etwas gearbeitet hat, aber trotzdem über die Runden gekommen ist, wäre Sargnagel vielleicht nicht das, was sie heute ist. 2014 ist Michi an einem Schlaganfall gestorben, ihm ist der Roman gewidmet. «In seiner Gegenwart fühlte sich alles auf eine heitere Art egal an, als wären alle Ambitionen lächerlich», schreibt Sargnagel. Seine «lustige Wurstigkeit» habe sie fasziniert, seine spielerische Sicht auf die Welt. Seine poetische und sprachgewandte Art, zu erzählen, habe sie im eigenen Schaffen motiviert und geprägt.

Statt Ferien zu machen, gönnte sich Michi auf der Baumgartner Höhe, einer berühmten psychiatrischen Anstalt, die schon bei Thomas Bernhard vorkam, einen stationären Entzug als Auszeit. Georg Kreisler, den anarchischen Kabarettisten und Sänger, sprach Michi in einem Lokal an, als wären sie beste Freunde. Ob er den Rest von seinem Erdäpfelsalat haben könne? Kreisler willigte ein. Michi freute sich und erzählte, dass er bereits in der Schweiz einmal den Wurstsalat von Kreisler aufgegessen habe. «Dicht» ist eine liebevolle Erinnerung an einen Aussenseiter wie Michi, an das freie, wilde, gefährdete Leben. Und zugleich ein Faustschlag ins Gesicht einer neoliberalen Weltordnung, die Geld und Erfolg als einzig gültige Währung vorschreibt. Sargnagel liebt Tagediebe. Menschen, die vielleicht auch ein wenig schlecht riechen. Lebenskünstler, die herumschwanzen. Auch so ein Wiener Wort dafür, dass man ohne Ziel flaniert.

«Dicht» ist aber auch ein Buch über Rauschmittelkonsum, von Bier bis LSD. Und wie man in Wien an Haschisch herangekommen ist – nicht alle erwähnten Lokale gibt es noch. Im «Black Appache» etwa, einem Tschocherl am Nussdorfer Gürtel, musste man an der Bar einen Eistee Pfirsich bestellen, als wäre man ein normaler Gast. Das war in einigen Wiener Lokalen der Code für das Kaufinteresse für Gras. Sargnagel erzählt von der Offenheit ihrer Jugendzeit, in der einem als neugieriges Hippiemädchen viel passieren konnte. Nicht nur schöne Dinge: Fast wäre sie von einem Mann vergewaltigt worden, der ihr K.-o.-Tropfen gegeben hatte. Geistesgegenwärtig gelang ihr die Flucht. Sie beschreibt Nazis, die sich zuerst prügeln und dann zu weinen beginnen, wenn man mit ihnen redet. «Müssts ihr echt immer so hinige Typen ansprechen», fragt ein Freund. «Hinig» heisst kaputt.

Aber ein Therapeut, zu dem die Schulabbrecherin Sargnagel geschickt wird, ist auch nicht besser. Als sie ihm erzählt, dass sie etwas Künstlerisches als Beruf machen möchte, Grafik oder Schauspiel, sagt er doch tatsächlich danach in Anwesenheit ihrer Mutter: «Denkst du ernsthaft, dass man mit deiner Figur Schauspielerin werden kann?» Die beiden Frauen sind geschockt von seinem Sexismus. Auf dem Heimweg meint die Mutter, eine Krankenschwester, die auch in schwierigen Zeiten stets zu ihrer Tochter gehalten hat: «Wos wordn des für ein Oaschloch?» Der Roman «Dicht» erzählt nämlich auch von Solidarität. Und davon, wie schön und zart die derbe Wiener Sprache im Grunde sein kann.

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