Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

Kinder auf Arbeitssuche

Von Eva Pfister

Das Leben in Sizilien ist hart. Am Morgen bekommt der kleine Ninetto ein Brot mit Sardellen, später hungert er. Der Vater ist Tagelöhner, er trinkt zu viel und prügelt gern, und als die Mutter von einem Schlaganfall gelähmt wird, hält Ninetto nichts mehr zu Hause. Mit Giuvà, einem Bekannten, besteigt der Neunjährige den Zug nach Mailand.

In den fünfziger Jahren stieg die Kindermigration in Italien an. Der Süden war arm, während im Norden die Industrie boomte. Bis nach Sizilien hatte sich herumgesprochen, dass es in Mailand Wohnungen mit fliessendem Wasser, Badewanne und Klosett gab. Das sieht Ninetto bestätigt, allerdings drängen sich ein halbes Dutzend Menschen in der Dreizimmerwohnung von Giuvàs Cousin, und die beiden Neuankömmlinge müssen in der Küche schlafen. Ninetto findet bald einen Job, mit dem Fahrrad trägt er saubere Wäsche aus. Der Lohn ist schlecht, aber so lernt er die Stadt kennen.

Marco Balzano hat für seinen Roman «Das Leben wartet nicht» mehrere Personen befragt, die als Kinder zum Arbeiten nach Mailand kamen. Zu seinem Erstaunen, so hält er im Nachwort fest, erinnern sie sich an ihre Ankunft und an die erste Zeit wie an ein grosses Abenteuer. Wenn sie aber mit fünfzehn Jahren endlich den ersehnten Job in der Autofabrik erhielten, wo der Lohn gut und die Arbeitsbedingungen geregelt waren, wich die Freude bald der Depression. Als zu öde erlebten sie den Fabrikalltag in den folgenden Jahrzehnten.

So ergeht es auch Ninetto. Dass für ihn persönlich etwas schiefgelaufen ist, erfährt man beim Lesen schon zu Beginn, denn der Ich-Erzähler sitzt wegen einer Messerstecherei im Gefängnis. Mit 57 Jahren wird er entlassen – und fängt mit der Arbeitssuche von vorne an. Wie damals findet Ninetto schliesslich einen Job als Laufbursche. Jetzt fährt er als Pizzakurier durch die Stadt, seine neuen Kollegen sind Chinesen und Afrikaner. Der Bogen, den Balzano von der einstigen zur heutigen Arbeitsmigration schlägt, verleiht diesem berührenden Roman eine zusätzliche politische Dimension.

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