Nr. 22/2017 vom 01.06.2017

Protestsong gegen Landesmutter Theresa

Von Florian Keller

Man fragt sich unweigerlich: Wenn jetzt sogar der britische Protestpop etwas ärmlich daherkommt, ist das auch schon ein Symptom der dortigen Austeritätspolitik?

Aber wir wollen mal nicht so piefig sein, sondern schon auch freudig applaudieren. Wenn eine bis dato völlig unbekannte Band mit dem etwas peinlichen Namen Captain Ska der britischen Ministerpräsidentin Theresa May ihre Lügen vorrechnet und so unverhofft in den Top Ten landet, ist das ja allemal Grund genug für diebische Freude – zumal der Erlös aus den Downloads bis zu den Wahlen am 8. Juni an gemeinnützige Organisationen geht. Dass der Song «Liar Liar», im britischen iTunes-Store aktuell auf Platz zwei, trotz zackiger Bläser etwas lahmt und die Strophen so ganz ohne Flow oder Furor gereimt sind: geschenkt. Zumindest im Refrain ist es dann ja doch ein unverschämt eingängiges Volkslied, wie gemacht dafür, auf dem Weg zum Wahllokal im Chor gesungen zu werden: «She’s a liar, liar.»

Klar, man denkt da schon ein bisschen wehmütig an Chumbawamba zurück, die ihren smarten antikapitalistischen Protestpop in die Hitparade getragen haben, als skandierfähige Folklore fürs Festzelt. Oder auch an Morrissey, der seine verträumte Anti-Thatcher-Ballade einst mit einem einschlägigen Requisit aus der Französischen Revolution ausstaffierte: «The kind people have a wonderful dream / Margaret on the guillotine». Für den Sänger hatte der blutige Traum damals gar ein polizeiliches Nachspiel. Kaum war der Song auf dem Album «Viva Hate» (1988) erschienen, wurde Morrissey prompt zum Verhör bestellt: Scotland Yard wollte prüfen, ob der frühere Frontmann der Smiths eine ernsthafte Bedrohung für Frau Thatcher darstellte.

Solches wird den Leuten von Captain Ska mit «Liar Liar» nicht passieren. Etwas abschätzig gesagt: Ihr Song gegen Landesmutter Theresa ist drittklassiger Agitprop, aber jede schlechte Politikerin bekommt schliesslich den Protestsong, den sie verdient. Und was ist Theresa May, wenn nicht eine drittklassige Margaret Thatcher?

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