Nr. 24/2021 vom 17.06.2021

Leichenschau unter südlicher Sonne

Zwischen leuchtenden Refrains lauert das Grauen: Auf seinem neuen Album lotet Jorge Elbrecht die Ambivalenzen der Sixties aus.

Von Florian KellerMail an Autor:in

Dank Unschuldspopstimme unverschämt eingängig: Jorge Elbrecht (links). Foto: Julianna Williams

Querflöte des Jahres gefällig? «The Clouds Are Gone» heisst der Song, die Flöte hüpft schon im dritten Takt freudig durchs psychedelisch verstrahlte Klangfeld, und spätestens im Refrain meint man, einen verschollenen Sommerhit von 1966 entdeckt zu haben – nur dass diese melodischen Bögen wohl selbst damals schon zu abgefahren gewesen wären für die Radiohitparade. Lieblich gezupfte Saiten und dissonante Orgel, dann auch Schellenring und Westerngitarre, zwischendurch ein Wolkenbruch: Alles total hibbelig hier, die Ideen purzeln nur so übereinander – aber dank der Unschuldspopstimme von Jorge Elbrecht bleibt das trotzdem unverschämt eingängig.

Früher war der Musiker, Produzent und Künstler mit seinen Bands Lansing-Dreiden und dann Violens unterwegs. Alleine kanalisiert er nun seine diversen Stilfetische zwischen Black Metal und Elektropop unter einer ganzen Reihe von Pseudonymen, je nach Genre, in dem er sich gerade bewegt. «Presentable Corpse» ist der Codename für seine schwärmerische Sixties-Schiene, mit der er jetzt erstmals ein ganzes Album füllt.

Sauber einbalsamiert

Passend zu dem etwas makabren Namen zeigt sich der 43-Jährige auf seinen Promobildern als verwilderter Tattergreis: vorzeitig gealtert und quasi bei lebendigem Leibe verwesend. Dabei ist die präsentable Leiche, die hier hergezeigt wird, gar nicht unbedingt er selbst, sondern vielmehr seine Musik – dieser psychedelische Sunshine-Pop, den Elbrecht so fachgerecht einbalsamiert, dass er zwischen seine dichten Arrangements gelegentlich sogar ein hörbares Eiern der Bandmaschine hinzumischt (etwa in «Leaf Cycle», mit noch mehr Querflöte). Reiner Pastiche also, die täuschend echte Nachbildung eines zeittypischen Musikstils, der sich selbst überlebt hat?

Das dann doch nicht. Elbrecht ist alles andere als ein stereotyper Kopist, und selbst dort, wo er einen harmonietrunkenen Retrofetischismus zelebriert, bleibt es komplex – angefangen bei der Perspektive, die er in diesen Songs einnimmt. Die Texte sind gefiltert durch das Bewusstsein eines fiktiven US-Soldaten im Vietnamkrieg, sie berichten von Kriegsmüdigkeit und politischer Wut, von Heimweh und Vergänglichkeit. Soldatische Wehmut unter tropischer Sonne? Irgendwie schon, aber alles hier ist von Beginn weg angekränkelt von Tod und Grauen: «Stop the execution!» lautet die Parole gleich im ersten Refrain auf dem Album, frohgemut vorgetragen zu schmissigen Bläsern im Hintergrund – und am Ende der Aufruf zur Befehlsverweigerung.

Bloss nicht stagnieren

«Blocking Out the Horror» heisst dieser ominöse erste Song, der damit schon im Titel ziemlich genau die Grundbewegung des Albums vorwegnimmt: Eskapismus ist die Devise, aber stets im Wissen darum, dass sich der Horror nie ganz ausblenden lässt. Quer zu gängigen Songmustern flüchtet sich Elbrecht alle paar Takte in eine andere Richtung – schön trippig und immer hyperaktiv, bloss nicht stagnieren. Auch die ruhigeren Nummern spielen mit dieser Ambivalenz der Verdrängungsleistung: Popmusik als Zauberspruch, um das allseits drohende Grauen und die eigene Sterblichkeit vorübergehend zu bannen, und sei es nur für gut drei Minuten. Verträumtes Trällern über dem Abgrund.

Im Video zu «The Springtime Brigade» treibt Elbrecht diese Doppelbödigkeit reichlich plakativ auf die Spitze, wenn er etwas wahllos Archivbilder aus Krieg und Flora gegeneinander schneidet: Da spriessen die Blumen und werden Blüten bestäubt, während Soldaten übers Land marschieren und ihre scharfe Munition aufs Land und in den Himmel schiessen – und dazu strahlender Harmoniegesang von unerhörter kalifornischer Leichtigkeit. Oder wie Elbrecht in «The Clouds Are Gone» so bezaubernd dialektisch singt: «The shadows only hide your expression when it’s bright». Denn im Dunkel hätten die Schatten ja gar nichts zum Verbergen.

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