Nr. 22/2017 vom 01.06.2017

Facebook lässt dein Hirn schrumpfen!

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Der Forschungshype rund um die Verbindung von Internet und Gehirn trägt zunehmend skurrile Züge. Jüngst behauptete zum Beispiel «die grösste private Präsenzhochschule in Deutschland», je niedriger das Selbstwertgefühl einer Person sei, desto häufiger nutze sie Facebook für die Kommunikation. Herausgefunden hat dies eine Studentin, die in ihrer Bachelorarbeit 267 Personen anonym online befragte.

Wer jetzt nach Resultaten ruft, die im Peer-Review-Verfahren überprüft und in einer Fachzeitschrift veröffentlicht worden sind, so wie das der wissenschaftliche Standard verlangt – bitte schön, das macht es offenbar auch nicht besser: Deutsche ForscherInnen postulierten Anfang Mai einen Zusammenhang zwischen der Intensität der Facebook-Nutzung auf dem Smartphone und dem Volumen des Nucleus accumbens, dem «Belohnungszentrum» des Gehirns. Sie zeichneten fünf Wochen lang auf, wie oft die 62 ProbandInnen täglich mit dem Smartphone Facebook aufriefen und darin verweilten. Diese Daten verglichen sie mit einem Hirnscan der ProbandInnen. Die Studie gebe interessante Hinweise für die Suchtforschung, lässt der Studienleiter verlauten, denn man beobachtete denselben Zusammenhang wie bei AlkoholikerInnen: Exzessiver Konsum korreliert mit einem kleineren Nucleus accumbens.

Blöd bloss, dass es sich bei den ProbandInnen um StudentInnen der Uni Bonn gehandelt hat, die im Schnitt noch nicht mal zehn Minuten täglich auf Facebook aktiv waren. Suchtverhalten sieht anders aus. Aber macht nichts. Wäre die Facebook-Nutzung deutlich höher, würde sich sicher bestätigen lassen, dass die besagte Hirnregion eine wichtige Rolle für die Suchtgefährdung einer Person spiele, so der konjunktivierende Studienleiter. Ach ja, und natürlich ist sogar denkbar, dass exzessiver Facebook-Konsum das Hirn schrumpfen lässt. Toll, mit was für bahnbrechenden Erkenntnissen dieses neue Forschungsfeld der Psychoinformatik aufwartet.

Facebook übrigens treibt den Hype noch weiter. Der Konzern arbeitet an einer direkten Hirn-Computer-Schnittstelle – man könnte auch sagen: am Direktzugriff auf die Gehirndaten. Ein Doktorand der Uni Basel fordert deshalb eine Erweiterung der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen, um die Menschheit vor unliebsamen Konsequenzen der Neurotechnologie zu schützen. Es ginge vielleicht auch einfacher – hier der Versuch: Bitte, ihr hippen PsychoinformatikerInnen, verschont uns doch mit eurer Forschung!

Andernfalls fordern wir mit dem Basler Doktoranden das Recht auf «mentale Privatsphäre», «kognitive Freiheit» und «geistige Unversehrtheit».

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