Nr. 44/2017 vom 02.11.2017

Aus die Maus

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Die Wunderwelt der Tiere ist ein nie versiegender Quell des Staunens. Mit ihren Blockbusterserien «Im Reich der wilden Tiere» und «Ein Platz für Tiere» haben Marlin Perkins und Bernhard Grzimek bis Mitte der achtziger Jahre Kinder und Erwachsene gleichermassen an die Flimmerkiste gefesselt. Heutzutage ist man im Netz da eher monothematisch unterwegs. Stichwort: Katzenvideo.

Deshalb zur Abwechslung mal ein verblüffender Beitrag aus der aktuellen Forschung des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell. Dort begab sich ein junger Doktorand wiederholt in den Wald auf Spitzmausjagd. Nicht, dass Sie jetzt denken, Spitzmäuse könnten fliegen. Aber «begabte junge Wissenschaftler» dürfen am ornithologischen Institut auch ihren eigenen Forschungsinteressen nachgehen.

Item. Besagter Doktorand betäubte im Wald hundert eingefangene Spitzmäuse, röntgte und vermass ihre Schädel, wog sie und pflanzte ihnen einen reiskorngrossen elektronischen Chip ein, um sie später wieder orten und einfangen zu können und das Röntgen und Wägen über ein Jahr hinweg zu wiederholen.

Nun muss man wissen, dass Waldspitzmäuse eine besondere Spezies sind: Die rund zehn Gramm schweren Insektenfresser (mit Mäusen haben sie nur das Aussehen gemein) sind Dauerfresser – zwei bis drei Stunden ohne Nahrung, und sie verhungern. Da sie keinen Winterschlaf halten, stellt sie sowohl die Nahrungssuche als auch die Kälte vor grosse Probleme. Um den Winter zu überleben, haben sie eine ausgefallene Strategie entwickelt, wie der Doktorand herausgefunden hat: Sie schrumpfen. Genauer gesagt, schrumpft ihr Schädel und damit auch ihr Gehirn, und zwar um bis zu fünfzehn Prozent. Zusammen mit einem Gewichtsverlust von fast zwanzig Prozent vermögen die Tiere so ihren Energiebedarf stark zu drosseln. Im Frühling legen sie dann wieder zu: Ihr Körpergewicht verdoppelt sich, und auch das Hirn wächst wieder um neun Prozent.

Was uns natürlich zum Grübeln verleitet. Wie gehen Spitzmäuse mit einem jährlichen Nettoverlust an Hirnmasse und einer geradezu explosionsartigen körperlichen Verfettung um? Zumal der Studienleiter des Doktoranden schon von medizinischen Erkenntnissen schwärmt, die sich daraus für den Menschen gewinnen lassen? Nun, die Antwort ist ebenso simpel wie besorgniserregend: Kaum eine Waldspitzmaus erlebt ihren zweiten Geburtstag.

Der Maulwurf, ein enger Verwandter der Spitzmaus, verfügt eindeutig über mehr Hirn: Er legt sich beizeiten ein Regenwurmlager an und beisst den Würmern den «Kopf» ab, auf dass sie nicht davonkriechen.

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