Nr. 23/2017 vom 08.06.2017

Krieg dem Joint, Frieden dem Alk?

Ruth Wysseier plädiert für mehr Nüchternheit

Von Ruth Wysseier

Was ich von Drogen weiss, ist schnell erzählt. LSD: junge Leute, die meinen, sie könnten fliegen, und sich aus hohen Gebäuden stürzen. Heroin: der Zürcher Platzspitz voller Aargauer Kids, die sich eine Spritze setzen. Cannabis: Blumenkinder, die selig lächeln und sich weigern, nach Vietnam in den Krieg zu ziehen. Kokain: Banker, die sich was die Nase hochziehen und dann ein paar Milliarden veruntreuen. Ecstasy: Teenager, die am Sonntagmorgen die Ausnüchterungszellen vollreihern. Crack: ausgemergelte Gestalten in verlassenen Gebäuden in Baltimore.

Bei Alkohol werde ich differenzierter, einerseits denke ich als Produzentin und Dealerin dieser Droge natürlich an leutselige WinzerInnen am Feierabend bei einem (!) Gläschen (!) Wein, andererseits aber auch an bayerische Politiker mit Bierhumpen im Gesicht oder Fussballhools im aggressiven Siegestaumel.

Meine Sicht ist vermutlich nicht sehr objektiv. Der britische Drogenexperte und Regierungsberater David Nutt veröffentlichte vor sieben Jahren ein wissenschaftliches Ranking der Schädlichkeit von Drogen. Seine Skala bewertete das Risiko für die KonsumentInnen selbst sowie für andere. Sein Fazit: Alkohol ist mit Abstand am gefährlichsten, weit vor Heroin oder Crack, wenn man nicht nur die Folgen für Körper und Psyche, sondern auch für die Gesellschaft vergleicht.

Etwas relativieren sollte man die Studie schon. Sie berücksichtigt nicht, dass Alkohol als einzige der beurteilten Drogen legal ist und daher für viel mehr Leute erhältlich. Auch kulturelle oder historische Einflüsse wurden nicht untersucht. Die Bevölkerung in Weinländern wie Frankreich oder Spanien handhabt die Droge weniger problematisch als die in Nordeuropa.

Verrückt ist, wie schwer sich die Gesellschaft und die Politik tun, Drogen nüchtern auf ihr Schadens- und vor allem Nutzenpotenzial hin zu betrachten. Eine «Geo»-Reportage listete kürzlich den medizinischen Nutzen verschiedener Drogen auf. Demnach ist LSD wirksam gegen Cluster-Kopfschmerzen, Psilocybin lindert Depressionen und Angstzustände, MDMA hilft bei posttraumatischen Belastungsstörungen. Am ehesten anerkannt wird die therapeutische Wirksamkeit von Cannabis, etwa gegen chronische Schmerzen, bei einer Chemotherapie oder bei Multipler Sklerose. Doch gegen den Hanf ist die Abwehr heftig: Cannabis «dürfte das grosse Drogenproblem des kommenden Jahrzehnts werden», diagnostizierte die NZZ vorletzte Woche.

Als David Nutt seine Studie veröffentlichte und für eine Preiserhöhung bei den billigsten Alkoholika plädierte, zog der zuständige Minister übrigens umgehend die Konsequenzen: Nutt wurde gefeuert, Cannabis auf eine höhere Gefahrenstufe gestellt, der Besitz strenger bestraft.

Es wäre dumm zu glauben, gegen das weltweite Säbelrasseln und Wettrüsten sei kein Kraut gewachsen. Ganz sicher ist die gesellschaftliche Schädlichkeit von Cannabis nämlich das kleinere Übel.

Ruth Wysseier ist Winzerin am Bielersee.

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