Nr. 25/2017 vom 22.06.2017

Keine Freundin kann Mama ersetzen

Von Lukas Foerster

Fast würde man sich wünschen, dass Massimo, die Hauptfigur von Marco Bellocchios neuem Film, gar nicht erwachsen wird. Denn die erste gute halbe Stunde von «Fai bei sogni», die sich der Jugend des Protagonisten widmet, ist schlichtweg zauberhaft: zunächst kurze, flüchtige Szenen, die sich wie Zufallserinnerungen anfühlen und allesamt das Verhältnis zur Mutter beschreiben, wie sie mit Massimo den Twist tanzt, wie sie ihn beim Gruselfilm vor dem Fernseher fest in ihre Arme schliesst, eine gemeinsame Busfahrt. Dann ist die Mutter plötzlich weg, ohne angemessene Erklärung. Massimo, zu jung, um die Veränderung zu begreifen, macht neue Erfahrungen, stösst aber immer wieder auf die eine, zentrale Abwesenheit, die sein Leben ab sofort prägen wird. Ein zentraler Fluchtpunkt ist wiederum der Fernseher, insbesondere die Horrorfilmfigur Belphégor, die dem Jungen zu einer Art Alter Ego wird.

Ganz verschwindet diese fragile Kindheitsebene nie aus dem auf mehreren Zeitebenen erzählten Film, aber der Hauptstrang der Handlung verlagert sich: Massimo ist nach einem Zeitsprung plötzlich erwachsen, lebt als Journalist ein eigentlich recht saturiertes Leben – nur die Mutter ist immer noch weg. Jetzt geht es plötzlich um einen einsamen Bourgeois in der Grossstadt, um zerquälte Männlichkeit, um verkorkste Frauengeschichten: Keine Freundin kann Mama ersetzen, eh klar. Das bremst den Film für eine Weile ziemlich aus, auch weil Valerio Mastandrea, der den erwachsenen Massimo spielt, das Klischeebild des melancholischen Schweigers etwas zu perfekt verkörpert.

Bellocchios Regie ist feinsinnig genug, um auch dieser zweiten Ebene Nuancen zu entlocken, die man auf den ersten Blick in dem Stoff nicht vermutet hätte. Langsam, Szene für Szene öffnet sich Mastandreas Gesicht, ein neuer Blick auf die Welt wird möglich. Dennoch wünscht man sich die Welt der Kindheit zurück; das Gefühl der Freiheit mag auch da nur eine Illusion gewesen sein, aber ohne Illusionen ist das Leben nun mal keinen Pfifferling wert.

Ab 22. Juni 2017 im Kino.

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